Huschende Kellner oder: Berliner am Strand

Die Ferien sind in den meisten Bundesländern in vollem Gange, wobei in einigen nächste Woche  wieder die Schule beginnt. Urlaub geht eben viel zu schnell vorbei. 

Vor ein paar Jahren habe ich in meinem Blog bereits über meine Reiseerfahrungen berichtet. Nun möchte ich mit euch ein besonderes Reiseerlebnis teilen, das ich 2023 in Spanien und Portugal hatte und hier ausführlicher beschreibe.

Allen Lesern, die den Urlaub noch vor sich haben, wünsche ich tolle, erholsame Tage. Den anderen sei gesagt: Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub!

Die Isla Cristina an der Costa de la Luz in Spanien sind ein wunderschönes Fleckchen Erde. Im Juni 2023 verbrachten mein Mann und ich zwei Wochen an eben dieser „Küste des Lichts“. Wir flogen nach Faro in Portugal und wurden von dort aus mit einem Bus des Reiseveranstalters nach Spanien gebracht. Obwohl ich bereits oft geflogen bin, ließ ich mir von einer freundlichen Flugbegleiterin die Weste unter dem Sitz und die Sauerstoffmaske darüber erklären. Auf manchen Flügen bekomme ich als blinde Person eine Broschüre in Braille mit allen wichtigen Informationen, so auch auf dem Flug. Am Flughafen angekommen, warteten wir eine geraume Weile auf den Bus, der uns, nach zahlreichen Stopps auf der Isla Canela endlich auf unsere Insel brachte. Erschöpft kamen wir im Hotel an, gingen gar nicht erst aufs Zimmer, sondern direkt zum Abendessen. Da das Buffet um 22 Uhr abgeräumt wurde, lief mein Mann ins Restaurant und besorgte uns zwei Portionen Lasagne nebst Nachtisch. Wir aßen zügig ohne großen Appetit – kein wirklich gelungener Auftakt.  

Nach dem Abendessen erhielten wir zu unserer Überraschung eine Suite, obwohl wir ein normales Doppelzimmer gebucht hatten. Wahrlich konnte man in dieser großen Wohnung ein Indoor-Navi gebrauchen. Mit meinem Stock erkundete ich den Flur, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, das große Bad und den Doppelbalkon. Obwohl ich mich im Laufe des Urlaubs besser auskannte, verlief ich mich dennoch immer wieder. Auf dem Balkon standen zwei Liegen. Sie hatten den unschätzbaren Vorteil, dass wir uns am Pool keine sichern mussten, wie es viele Touristen täglich und vor dem Frühstück gerne tun. Von hier aus war es ein Genuss, mich zu entspannen, zu lesen oder der Musik zu lauschen, welche jeden Abend von verschiedenen lokalen Gruppen dargeboten wurde. 

Beim Frühstück machten wir eine interessante Entdeckung. Wegen fehlenden Personals liefen die meist jungen Kellnerinnen/Kellner oft planlos herum. Sie räumten schmutziges Geschirr ab, legten neues Besteck hin etc. Vor der Coronakrise waren wir schon einmal im gleichen Hotel und hatten gute Erfahrungen mit dem Personal gemacht, das sehr freundlich war und sich stets über einen Smalltalk freute, bei dem ich meine Spanisch-Kenntnisse anwenden konnte. Nun verhielt es sich anders. Ich erklärte Ihnen, dass ich sie nicht sah, und dass sie mich bitte ansprechen sollten, wenn etwas hingestellt oder abgeräumt würde. So kam es, dass in den ersten Tagen mein Teller plötzlich weg war oder das Glas, in dem sich noch ein wenig Orangensaft befand, nicht mehr vor mir stand. Ich hatte es gerade abgestellt und wollte den Rest später austrinken. Ich spürte, wie eine flinke Hand nach dem Glas griff und so etwas wie „finish“ murmelte. Als ich dem jungen Mann auf Spanisch erklärte, dass ich eben erst getrunken hatte, war er schon weg. Da sich die Gäste an den Tischen häufig laut unterhielten und das Personal „herumwuselte“, sich ebenfalls mit schnellen Sätzen verständigend, hörte ich nicht, wenn sich jemand unserem Tisch näherte oder sich entfernte. Nachdem wir dem Chef Bescheid gesagt hatten, wurde die Situation etwas besser. Einige Kellner sprachen mich an, meist in gebrochenem, kurzem Englisch. Ich entwickelte mehr Gefühl dafür, wann Geschirr nicht mehr am Platz oder eine Kellnerin/ein Kellner neben mir stand.

Am Buffet erkundeten wir, was es an Köstlichkeiten gab. Die Übersetzungen der Speisen vom Englischen ins Deutsche, die mein Mann mir vorlas, waren bisweilen sehr lustig. So wurde „Turkey“ nicht mit „Truthahn“, sondern mit „Türkei“ übersetzt. Aus „pan cake“, also „Pfannkuchen“ wurde „pana Cotta“. 

Neben ausgedehnten Strandspaziergängen und Baden unternahmen wir einige erstklassige Ausflüge. Da wir uns in der Nähe der portugiesischen Grenze befanden, ging es ein paarmal nach Portugal, wo wir automatisch „eine Stunde jünger“ wurden, wie uns Jo, der Guide, auf humorvolle Weise erklärte. Diese Verjüngung mussten wir aber, sobald wir wieder nach Spanien gelangten, einbüßen. Eine Tagestour führte uns durch Tavira, einer idyllischen Stadt mit über 25 Kirchen, engen Gassen, Cafés und Restaurants. Jo nahm uns in eine Fischmarkthalle mit. Nach kurzem, portugiesischem Wortwechsel mit den Verkäufern zeigte er mir Fische, welche ich bisher, wenn überhaupt, nur nach deren Zubereitung kannte. So konnte ich beispielsweise einen Thunfisch, einen Lachs, einen Seeteufel oder den Kopf eines Schwertfisches betrachten. Das lange Schwert des großen Tieres beeindruckte mich besonders!  Anschließend fuhren wir nach Fuseta und aßen dort vorzüglichen Fisch – natürlich nicht ohne ein Gläschen Wein dazu. Danach ging es mit einem Boot in das Naturschutzgebiet Ria Formosa, einem Stück Paradies, anders kann ich es nicht bezeichnen. Ich genoss ein Bad im erfrischenden Meerwasser, sammelte Muscheln und – aß tatsächlich einen Berliner. Wie kommt das typisch deutsche Gebäck an einen portugiesischen Strand? Jo verschwand für kurze Zeit, aber ich hörte, wie er telefonierte. Minuten später kam ein kleines Boot angetuckert, und bei dessen Ankunft ertönte eine Klingel, ähnlich wie seinerzeit beim Eintreffen des Eismannes. „Berliner, Berliner!“ rief eine muntere Männerstimme. Kurze Zeit später hielt ich einen solchen in der Hand und biss mit Vergnügen hinein – begleitet vom Rauschen der Wellen. Ich fühlte mich glücklich und sog jeden Augenblick in mich auf. Im Hier und Jetzt zu sein zählte. Alles andere war unwichtig. Ganz bestimmt gehörte der Ausflug zu den schönsten der letzten Urlaube. 

Beim Schreiben dieser Zeilen höre ich das Meer, laufe durch den warmen Sand und atme die paradiesische Atmosphäre der Ria Formosa ein. Ebenso schmecke ich die süße Marmelade des Strand-Berliners! 

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