Sprachen haben mich seit der Kindheit fasziniert. Laut meiner Eltern konnte ich schon sehr früh sprechen und saugte alles auf, was ich über mein Umfeld und über Radio/Fernsehen mitbekam. Es machte mir Freude, Stimmen zu imitieren und unbekannte Wörter kennenzulernen. Wie meine Mutter mir erzählte, lernte ich schon als Kleinkind das Wort „Eukalyptusbonbon“, als eine Schale mit Bonbons auf dem Tisch stand und ich wissen wollte, was sich darin befand.
In der Grundschule kam ich zum ersten Mal mit Englisch in Berührung. An der Volkshochschule machte meine Mutter einen Englischkurs. Zum Üben gab es eine Kassette, auf der die Sätze nachgesprochen werden mussten. „This is Tom. He is from London.“, oder: „How are you, John? I am fine“, konnte ich bald sagen und ich hatte Freude daran. Einmal schenkte man mir eine Kassette mit englischen Kinderliedern, die ich versuchte zu singen, obwohl ich die Bedeutung der Texte nicht wirklich verstand.
Trotzdem begann ich in der fünften Klasse auf dem Gymnasium mit Französisch, da die Schule einen sogenannten „bilingualen Zweig“ anbot. Das heißt, es wurden, neben der Fremdsprache, andere Fächer auf Französisch unterrichtet wie Erdkunde, Geschichte und Politik. Jeder Schüler bekam im ersten Jahr eine Übungskassette. In einer Lektion hatte Monsieur Leroc, wie der Familienvater im Französischbuch hieß, die Grippe. Mit dem Satz: „Oh, la gripe, toujours la gripe“ (Oh, die Grippe, immer die Grippe), ging ich meiner Familie eine Zeitlang auf die Nerven.
In der 6. Klasse nahm ich an meinem ersten Schüleraustausch teil und fuhr mit dem Bus nach Lyon. Die Kinder wurden buchstäblich ins kalte Wasser geworfen, indem sie direkt nach der Ankunft in Gastfamilien untergebracht wurden. Eine lustige Gegebenheit ereignete sich gleich am ersten Abend. Meine Gastfamilie bestand aus Mutter, Tochter und den Großeltern, die im gleichen Haus eine Etage darüber wohnten. Zum Abendessen gab es Pommes mit Würstchen. Über dieses normale Essen war ich völlig erstaunt, weil ich dachte, in Frankreich würde man ganz vornehm und exquisit speisen. Also nahm ich die Gabel und spießte jede Pommes einzeln auf. Meine Gastmutter fragte ganz erstaunt, warum ich nicht mit den Fingern essen würde. Das verstand ich, konnte ihr aber nicht auf Französisch erklären, warum ich die Pommes so vornehm wie möglich mit der Gabel aß.
In den nächsten zwei Wochen lernte ich quasi ohne Unterbrechung. Tagsüber gingen wir mit unseren Gastschwestern/Brüdern in die Schule. Abends lief der Fernseher in der Familie pausenlos. Die Großeltern hatten ihr Wohnzimmer direkt über meinem Schlafzimmer und die Lautstärke des Fernsehapparates war beträchtlich. Eines nachts wagte ich es. Ich konnte nicht schlafen und mein Kopf war voller Wortfetzen und Geräusche. Da ich den Weg zur großelterlichen Wohnung inzwischen kannte, zog ich mir etwas an und schlich die Treppe hinauf. Vorsichtig klopfte ich an die Tür. Keine Reaktion. Ich klopfte lauter und die Tür ging auf. Die Großmutter wollte erschrocken wissen, ob etwas passiert wäre. „Non. Rien“, erwiderte ich stotternd. „La télé…“ (Nein. Nichts. Der Fernseher…)“. Die alte Dame verstand sofort. Sie nahm mich an die Hand, führte mich ins Wohnzimmer und stellte die Flimmerkiste leiser. Dann unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Von nun an war ich in ihrer Wohnung gern gesehen. Wenn meine Gastschwester, mit der ich mich ansonsten ganz gut verstand, ihre fünf Minuten hatte, wenn sie irgendetwas nicht wie gewünscht bekam, ging ich gelegentlich nach oben.
DA mein Interesse für Popmusik in der Zeit massiv zunahm, hörte ich mit Begeisterung die französische Hitparade. Die Superstars waren Daniel Balavoine, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam und Jean-Jacques Goldman, den besonders die Mädels verehrten. Schon länger verfolgte ich auch die englische Popszene und versuchte zu verstehen, was Cyndi Lauper, Madonna, Jennifer Rush und co. sangen.
In der 7. Klasse kam endlich Englisch als zweite Fremdsprache dazu. Schon nach wenigen Wochen versuchte ich meine Kenntnisse anzuwenden. Mit Patentante und- Onkel waren wir an einem Samstag im Brühler Phantasialand. Das Wetter war gut und dementsprechend herrschte viel Betrieb. So auch in der Damentoilette. Ich hatte in dem Moment keinen Langstock zur Hand, fand die Kabine aber trotzdem. Als ich herauskam, sprach mich ein Mädchen an: „Are you tird?“ (bist du müde?). Ich überlegte kurz und erwiderte: „No. I can’t see.“ (Nein, ich kann nicht sehen). „Oh, OK“, entgegnete das Mädchen und zeigte mir, wo das Waschbecken war. „Are you from England?“, versuchte ich es weiter (bist du aus England?). „No, from Amerika.“, (nein, aus Amerika), war ihre Antwort. Wir lachten und gingen gemeinsam nach draußen. Noch konnte ich nicht wissen, dass mich der amerikanische Akzent durch ein ganzes Schuljahr in Philadelphia in der „Overbrook School fort he Blind“ begleiten sollte. Seitenlang könnte ich über dieses tolle, bereichernde Jahr berichten. Die Wochenenden verbrachten wir in Gastfamilien, während wir unter der Woche im Internat der Schule wohnten. Ich denke, ich werde mal einen separaten Blogartikel über mein Amerika-Jahr verfassen. In diesem Artikel geht es ohnehin um den Europäischen Tag der Sprachen.
Fest steht, dass Sprache/Fremdsprachen für mich eine große Rolle spielen und sehr nützlich sind. In der neunten Klasse gesellte sich Latein zu Französisch und Englisch. Die alte Sprache wird nur selten von Freaks aktiv angewendet, jedoch kann man eine Menge Begriffe ableiten. Wer Asterix-Filme mag, kann sie sich bei Bedarf im Original ansehen.
Im Rahmen einer AG lernte ich ein bisschen Polnisch, da ich an einem Schüleraustausch teilnahm, der uns in die Nähe von Krakau führte. Die nette Gastfamilie nahm mich herzlich auf und die Austauschschülerin Monika besuchte uns ein Jahr später in Deutschland.
Nach Abschluss der zehnten Klasse fuhr ich in den Sommerferien mit einer Jugendgruppe nach Italien an die ligurische Küste. Um mich ein wenig verständigen zu können, besuchte ich zuvor in der VHS einen Italienischkurs. Die Lehrerin, eine Italienerin, hatte entsprechendes Temperament und vermittelte die Grundkenntnisse auf kompetente und amüsante Weise. In einer Kursstunde brachte ein Teilnehmer anlässlich seines Geburtstages Sekt und Wein mit. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass unsere Lehrerin nach einer Weile nicht mehr mit dem regulären Unterricht fortfuhr. Wir lachten, tranken und verstanden uns, als würden wir uns ewig kennen. Die geistlichen Getränke lösten buchstäblich unsere Zungen, sodass das Sprechen, egal in welcher Sprache, kein Problem darstellte.
An der Uni belegte ich Spanisch, da ich in keinen Italienischkurs passte, der angeboten wurde. In einen neuen Anfängerkurs wollte ich nicht, für einen Fortgeschrittenenkurs war ich meiner Meinung nach nicht weit genug. Der Kurs startete mit ca. 60 Studentinnen/Studenten. Die Lehrerin, eine Spanierin, zog das Tempo im Laufe des Kurses so an, dass am Ende nur acht Teilnehmer übrigblieben. Ich konnte stolz behaupten, darunter zu sein. Nach einem weiteren Spanischkurs an der Uni nahm ich an einigen Konversationskursen der lokalen VHS teil. Wenn der Urlaub uns nach Spanien führt, so wie im letzten Mai nach Fuerteventura, wende ich meine Kenntnisse so gut es geht an. Die meisten Einheimischen freuen sich, wenn man in ihrer Landessprache „guten Morgen“, „guten Abend“, „danke“, „bitte“, oder „auf Wiedersehen“ etc. sagt. Als wir eines morgens im Hotel beim Frühstück saßen, fehlte an meinem Platz eine Gabel. Der Kellnerin erklärte ich, ich bräuchte eine „horca“, weil ich dachte, dass es sich hier um eine Essensgabel handeln würde. Die Kellnerin brach in schallendes Gelächter aus und fragte, ob ich eine „tenedor“ benötigte. Ja, genau die brauchte ich. Im Internet erfuhr ich, dass „horca“ „Mistgabel“ bedeutet, und man diese nicht unbedingt zum Essen verwenden sollte. Aber auch auf diesem Weg lernt man eine Fremdsprache.
Abschließend kann ich jedem empfehlen, eine Sprache zu lernen oder es ein wenig zu probieren. Dabei muss man kein Fremdsprachen-Freak sein. Ich finde, Kommunikation ist eine enorme Bereicherung, nicht nur in der eigenen Muttersprache.
