Die Nachricht traf mich wie ein Hammerschlag. Unser langjähriger Kollege Axel Berg in der Nacht auf den 23. Februar verstorben? Mit 57 Jahren? Auch die anderen Kollegen konnten es nicht fassen. Von einer Kollegin erfuhr ich, dass er sich in den vergangenen Monaten sehr zurückgezogen hatte, weswegen man ihn in der letzten Zeit selten antraf.
Ich beschloss, ihm mit diesem Artikel ein „Denkmal“ zu setzen und unsere lange Kollegialität auf diese Weise zu würdigen.
1989 startete Axel seine Papenmeier-Karriere in der Software-Entwicklung. Bis 2004 erfüllte er Aufgaben in verschiedenen Bereichen. Als ich Mitte Juli 2001 im Bereich Produktmanagement / Medizinprodukteberatung anfing, saß ich mit Axel im selben Großraumbüro. Hier arbeitete er als Projektmanager. Axel koordinierte Termine und war auf zahlreichen Messen und Ausstellungen vertreten – genau wie ich.
Lebhaft kann ich mich an meine erste Ausstellung mit Axel erinnern, die am 12.09.2001 im Bayerischen Blindenbund in München stattfand. Während der langen Autofahrt auf regennassen Straßen waren die Terroranschläge in den USA vom 09.11. tags zuvor Gesprächsthema Nummer eins. Als ich auf der Rückfahrt spät am nächsten Abend meinen Mann anrief und dazu mein Siemens S6 Handy aus der Tasche holte, welches sogar noch eine kleine Antenne besaß, bemerkte Axel grinsend: „Was ist das denn für ein Tennisschläger? Kappe ab.“ Nach dem Telefongespräch verstaute ich den Wahnsinnsapparat in seinem damaligen Behältnis. Axel bemerkte trocken: „Nun aber wieder rein in den Waschlappen.“
Am Ende des Monats standen wir gemeinsam mit anderen Kollegen am Messestand auf der RehaCare in Düsseldorf. Am Nachmittag des letzten Messetages mussten Axel und ich mit unserem damaligen Fachbereichsleiter Jürgen Bornschein zu einer Gerätepräsentation im Rahmen einer Kunstaustellung nach Dortmund. Es versteht sich von selbst, dass wir uns nach einer solchen Woche nicht gerade in Hochstimmung befanden. Während der Autofahrt grummelte Axel: „Jetzt baue ich den Mist auf. Dann spielst du Kasperletheater, und ich kann später den Mist wieder abbauen.“ Wir überstanden es tatsächlich, mit einem netten Essen als Abschluss.
Ebenso waren Axel und ich viel zusammen unterwegs, wenn es um Vorführungen oder Einweisungen bei Kunden in NRW ging. Einmal gurkten wir durch die Prärie bis Porta Westfalica, um das damals noch recht neue Braille-Notizgerät BRAILLEX Elba vorzuführen. Dabei stellte sich heraus, dass der Interessent mit allem ausgestattet war, nur nicht mit Papenmeier-Geräten. Er wollte sich unser ELba einfach aus Neugier zeigen lassen, bekundete jedoch kein näheres Interesse. Das Ende des Kundenbesuchs war ein gemütliches kroatisches Restaurant, in dem wir unsere Enttäuschung buchstäblich hinunterschluckten.
Genauso gut konnten wir nach solchen Besuchen Erfolge verbuchen. So erhielt eine gehörlose, fast blinde junge Frau ein Braillegerät, mit dem sie bis zu ihrem viel zu frühen Tod gerne arbeitete.
Axels trockener Humor, stets gekrönt mit seinem Lieblingsausspruch „Kappe ab“ war einzigartig. Diesen tat er auch, als ich im Jahr 2002 mit meinem Mann nach Neuseeland in den Urlaub flog. In Singapur fiel mir ein, dass an dem Abend mein Lieblingsfußballclub, dessen Namen beim BVB nicht genannt werden darf, im DFB-Pokal gespielt hatte. Es war zu der Zeit noch nicht möglich, das Ergebnis schnell mit dem Smartphone nachzuschauen. Was tun? Axel anrufen. Wenn einer es wusste, dann er. „Wo seid ihr?“ rief er erstaunt aus? „Was? Und deswegen ruft ihr mich an? Na gut: zwei zu null gewonnen. Kappe ab – auch wenn es nicht der BVB war. Schönen Urlaub.“ Den konnte ich nun wahrlich beruhigt antreten.
Im Jahr 2004 wechselte Axel vom Angestelltenverhältnis zum freien Handelsvertreter in den Vertrieb der Papenmeier Reha-Technik. Weiterhin fuhren wir häufig zu Kundenterminen oder Ausstellungen. Auf den meist längeren Autofahrten sprachen wir über Fußball, unsere Lieblingsclubs, die nicht wirklich gemeinsame Wege bestritten und spielten uns frotzelnd die virtuellen Bälle zu.
Wir hatten allerdings nicht nur geschäftlich miteinander zu tun. Jedes Jahr in der Adventszeit besuchten wir mit anderen Kollegen die „Night of the Proms“ in der Dortmunder Westfalenhalle. Gerne lästerte Axel über manch alternden Pop Star wie den Sänger der Gruppe Supertramp. Als er in weißem Anzug auf die Bühne kam, kommentierte Axel: „Na den haben sie aber auch aus dem Altersheim geholt.“
Live-Konzerte von Phil Collins und Rod Stewart erlebten wir ebenfalls.
Axel war sehr großzügig, wenn es darum ging, Kolleginnen und Kollegen seine Anerkennung zu zeigen. Zum Geburtstag bekamen die Damen, mit welchen er viel zusammen arbeitete, einen Blumenstrauß. Nachdem Axel in seine neue Wohnung gezogen war, lud er einige Kolleginnen zu einem Einstandsmittagessen ein. Erst gab er vor, selbst kochen zu wollen. Doch kurz bevor wir zu seinem neuen Domicil aufbrachen, rief Axel an. „Welche Pizza willste? Frag mal die anderen.“ Die bestellten Pizzen schmeckten vorzüglich und wir hatten eine gemütliche Mittagspause.
Als Axel längere Zeit im Krankenhaus lag und sich danach eine Reha-Maßnahme anschloss, schickten wir ihm ein „Care-Paket“ in die Klinik.
Die Corona-Krise veränderte alles. Die Fahrten zu Kunden sowie sämtliche Ausstellungen wurden vorübergehend eingestellt. Sowohl Axel als auch ich verbrachten unseren Arbeitsalltag überwiegend im Homeoffice. Dadurch sahen wir uns eher selten, was sich auch nach der Corona-Zeit nicht wesentlich änderte. Ich glaube, das letzte Mal habe ich Axel irgendwann vor Weihnachten 2023 kurz getroffen, Jedoch verließ er das Firmengebäude bald wieder. Immer seltener ließ er von sich hören und konnte nur noch sehr wenige Termine wahrnehmen. Nun weilt Axel nicht mehr unter uns. Er lässt sehr traurige, erschütterte Kolleginnen / Kollegen zurück, die seinen Tod kaum begreifen können. Wir werden Axel immer in guter Erinnerung behalten. Nie werde ich vergessen, was wir zusammen erlebten – ein Hoch auf diesen tollen Kollegen – Kappe ab!
