Barrieren im Kopf

Das kann ich mir nicht vorstellen oder: Barrieren im Kopf

Jeder von uns kennt die Situation, sich bestimmte Dinge/Sachverhalte nicht vorstellen zu können. Mir geht es als blinde Person manchmal auch so. Wie erlebt ein gehörloser Mensch Musik oder wie kommt jemand im Rollstuhl mit vielen Treppen zurecht?

Dann gibt es Situationen, in denen ich erlebe, dass sich meine sehenden Mitmenschen nicht vorstellen können, wie dies und jenes vonstattengeht.

In unserer Nachbargemeinde wollte ich in einer Musikgruppe mitspielen/mitsingen, welche Gottesdienste gestaltet. Die Gruppenleiterin kam dieser Bitte nicht nach und äußerte sich lange nicht dazu bzw. wenn, dann mit schwammigen Aussagen wie: „wir haben schon eine Saxophonistin“ oder „wir sind genug Sänger“ oder: „wir entscheiden oft spontan, was wir spielen/singen.“.

Aufgeben kam nicht infrage. Im letzten Blogartikel über Musik erwähnte ich, dass ich mit unserem lieben Freund Torsten begeistert musiziere und wir zusammen in einer Band spielen. Er ist schon lange in der Musikgruppe. Als sich die nächste Probe und der dazugehörige Gottesdienst ankündigte, sprach Torsten mit der Leiterin. Es stellte sich heraus, dass sich Bettina nicht vorstellen konnte, wie das mit mir funktionieren würde. Keine Noten, nicht vom Blatt singen können, keine Texte vor Augen etc. Torsten überzeugte Bettina schließlich, dass ich zur nächsten Probe kommen und mitmachen sollte. Die Texte der Lieder, die im Gottesdienst gesungen wurden, suchten wir aus dem Internet heraus oder er las sie auf mein Diktiergerät bzw. schickte sie mir als Sprachnachrichten per WhatsApp. Indem ich alles in meinen Rechner schrieb, bekam ich ein Gefühl für die Stücke. Dabei stellte ich fest, dass ich einige bereits kannte. Ebenso sollten Spirituals gesungen werden, die ich sehr mag.

Nachdem sich die Texte im Computer befanden, druckte ich sie in Braille aus und nahm die Mappe mit zur Probe in die Kirche, ebenso mein Saxofon.

Nach einer kurzen Begrüßung ging es ans Eingemachte. Und – siehe da – es funktionierte schon sehr gut. Ich hatte mir einige Stücke auf YouTube angehört und die für mich neuen Songs lernte ich über meine Mitsänger und Instrumentalisten. Der Keyboarder unserer Band ist auch in der Musikgruppe aktiv und spielte mir die Melodien vor. Alle waren sehr nett und herzlich. Lustigerweise kannte ich einige aus der Gruppe von anderen Musik-Projekten. Mein Mann, der sich um die Technik kümmerte, nahm einen Großteil der Probe auf, sodass ich mir das meiste später zu Hause noch einmal anhören konnte. Der Gottesdienst am nächsten Abend war schön und die Kirche von Alt und Jung gut besucht. Sowohl unsere Gruppe als auch die Gemeinde hatte Spaß an der Musik. Bettina strich ab und zu andächtig über meine mit Braillepunkten gefüllten Seiten und sagte leise: „Kann man das alles lesen?“. „Oh ja“, gab ich schmunzelnd zurück. Als der Gospelsong „I have decided to follow Jesus“ angestimmt wurde, „rockten“ wir die Kirche. Alle standen und klatschten mit. So hatte ich die „Feuertaufe“ in der Gruppe mit Bravour bestanden und es wird hoffentlich ein „Wiedersaxen / Wiedersingen“ geben.

Situationen wie diese sind mir im Laufe meines Lebens häufiger begegnet.

Ich finde es völlig in Ordnung, wenn mir Fragen gestellt werden: „Wie machst du das? Woher weißt du…? Aber wie soll das gehen, wenn man nicht sehen kann?“ Ich sage in dem Fall stets: „Ihr könnt mir Löcher in den Bauch fragen. Wenn etwas unklar ist, sprecht mich an. Das ist wesentlich effektiver als „Das geht ja bei dir gar nicht“ oder: „wenn man blind ist, kann man das eh nicht.“. Natürlich gibt es Dinge, die man als blinder Mensch nicht oder nur mit viel Hilfe bewältigen kann, das steht außer Frage. Aber eine Menge ist, auch Dank der heutigen Technik, gut machbar, wie beispielsweise die Bedienung eines Smartphones, eines Computers oder verschiedener Haushaltsgeräte.

Auch im Sport ist eine Menge möglich. Hier habe ich bereits viel ausprobiert: Judo, Reiten, Leichtathletik, Schwimmen, Tandem fahren, Tanzen, Ski laufen. Als ich während meiner Studentenzeit geritten bin, wollten meine Schwägerin und ich Reiterferien machen. Wir schrieben verschiedene Anbieter an und bekamen fast jedes Mal zur Antwort, dass man es sich nicht vorstellen könnte, eine blinde Reiterin in der Gruppe zu haben. Komischerweise funktionierte dies in der lokalen Gruppe, in welcher ich ritt, ohne Probleme und die Lehrerin war sehr zufrieden. Beim Reiten im Freien gab es ebenfalls keine Schwierigkeiten. Das Pferd kannte die meisten Wege und folgte den anderen, auch in unbekannterem Gelände.

Vor einigen Jahren hatte ich das Glück, im spanischen Doñana Nationalpark zu reiten, zum Teil am Strand entlang. Ich ritt direkt hinter dem Guide und es war ein beeindruckendes Erlebnis. Als ich zuvor bei der Anmeldung angab, nicht sehen zu können, meinte man nur: „No problema. Todo bien. (kein Problem. Alles in Ordnung).“  

Heute konzentriere ich mich schwerpunktmäßig auf Musik, gehe aber weiterhin gerne ins Schwimmbad, auf den Crosstrainer oder Walken.

Am 04. Mai nahm ich erfolgreich am AOK-Firmenlauf teil, aber davon berichte ich in einem anderen Artikel.

Abschließend möchte ich jeden von uns ermutigen, vorhandene Barrieren, die hauptsächlich im Kopf entstehen, abzubauen und ohne Vorurteile an eine Sache heranzugehen bzw. sich von diesen zu lösen. Indem man sich auf Neues einlässt, wird man bereichert und geht ungezwungener mit anderen Menschen, aber auch mit sich selbst um.

Am Schluss des Udo-Lindenberg-Musicals, das ich 2010 in Berlin gesehen habe, werden die Zuschauer ermutigt, die Mauer in ihren Köpfen einzureißen. Besser kann man es, denke ich, nicht zum Ausdruck bringen.

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