Am 21. November 2025 findet der bundesweite Vorlesetag statt. Ist Vorlesen noch von Bedeutung trotz Digitalisierung und Social Media? Ich beantworte diese Frage mit einem klaren „JA“! Zum Vorlesen gehören immer zwei: Eine Vorleserin / ein Vorleser und eine Zuhörerin / ein Zuhörer. Natürlich kann eine Person auch einer Gruppe vorlesen, so wie es eine Lehrerin / ein Lehrer vor einer Schulklasse tut. Viele Büchereien bieten Aktionen an, die zum Vorlesen animieren sollen.
In unserer Familie wurde gerne und viel vorgelesen. Für mich war es selbstverständlich, mit Literatur aufzuwachsen. Ich bezeichne meine Familie als „Lese- und Vorlesefamilie“. Nicht nur meine Eltern, sondern auch meine Oma und meine Tanten lasen mir nicht nur live vor, sondern lasen Bücher auf Kassette, die sie mir dann z. B. zum Geburtstag schenkten. Auch, als ich selbst lesen konnte, hörte das Vorlesen nicht auf. Nach dem Mittagessen las meine Mutter vor, was uns nach einem anstrengenden Vormittag in der Schule sehr entspannte. In jedem Urlaub hatten wir ein Vorlesebuch, von Klassikern der Weltliteratur wie „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm bis hin zu aktuellen Jugendbüchern, die ich zum Teil in Braille oder auf Kassette nicht bekommen konnte. Ein Scanner war zu dieser Zeit Zukunftsmusik, ganz zu schweigen von E-Books. Als ich später mit meinem Mann in Urlaub fuhr, übernahmen wir die Tradition meiner Familie. Wenn er mir einen spannenden Krimi vorlas, hörte ich meistens gebannt zu. Las ich ihm jedoch vor, konnte ich wenig später tiefe, entspannte Atemzüge oder gar ein leises Schnarchen vernehmen. „Lese ich so schlecht?“, fragte ich ihn einmal. „Nein, überhaupt nicht“, entgegnete mein Gatte. „Das ist nur so beruhigend, dass ich dabei einschlafe. Genauso geht es mir mit Hörbüchern, die von professionellen Sprechern gelesen werden.“
In den letzten Jahren ist der Bedarf des gegenseitigen Vorlesens zurückgegangen. Mein Mann liest meist auf dem Tablet, ob Spiegel-Artikel oder Bücher. Ich höre Hörbücher oder lese E-Books auf meiner kleinen Braillezeile.
In einem anderen Artikel habe ich Hörbücher, Hörbüchereien und das digitale Abspielformat „Daisy“ vorgestellt. Vor allem für ältere Menschen, die die Brailleschrift nicht mehr lernen, sind Hörbücher ein Segen. Aber auch ich genieße es, mir nach getaner Arbeit abends im Sessel den Kopfhörer aufzusetzen und einem guten Buch zu lauschen. Selbst lese ich sehr gerne vor. Als Kind nahm ich öfter an Ferienfreizeiten teil. Wir übernachteten in der Jugendherberge oder in Hütten. Irgendwann hieß es: „Licht aus.“ Lesen war für fast alle Kinder nur noch mit Taschenlampe möglich – nur für mich gab es keinerlei Probleme. Stets hatte ich ein Braille-Buch dabei und begann, den anderen Kindern vorzulesen. Ich muss sagen, dass die wenigsten dabei einschliefen. Die meisten hörten gespannt zu, wenn ich von Kalle Blomquists Abenteuern las oder aus einem Buch meiner damaligen Lieblingsautorin Federica de Cesco.
Die Schüler der sechsten Klassen unseres Gymnasiums waren alljährlich eingeladen, an einem Vorlesewettbewerb teilzunehmen. In der ersten Runde wurde die Klassensiegerin / der Klassensieger gewählt, in der zweiten Runde dann die Schulsiegerin / der Schulsieger. Tatsächlich ging ich als Klassensiegerin hervor, nachdem ich meine Klassenkameradinnen / -Kameraden mit einer spannenden Geschichte in den Bann gezogen hatte. Ich sehe den Text genau vor mir. Das Buch hieß „Der feuerspeiende Berg“. Es enthielt Geschichten von jungen Mädchen, die am Ende der jeweiligen Story als Heldinnen hervorgingen. Ich las die Kurzgeschichte „Rettung durch das Telefon“. Ein junges Mädchen rettet ihrem kleinen Bruder durch einen Luftröhrenschnitt das Leben, nachdem sie per Telefon Anweisungen von einem befreundeten Arzt erhalten hatte. „Was?“, würden die heutigen Leser rufen. „Das geht?“. Klar. In der Geschichte ging es erst recht und ich trug sie mit Begeisterung vor, zumindest den Anfang. Als frisch gekürte Klassensiegerin baten mich meine Kameradinnen / Kameraden, doch die Geschichte zu Ende vorzulesen. Es kam zum Showdown, dem besagten Luftröhrenschnitt. Ich las: „Das Blut spritzte“ und vernahm einen lauten Knall. Veronika war vom Stuhl gekippt und kurz ohnmächtig geworden. Daraufhin nahm die Rettungsaktion des kleinen Jungen ein jähes Ende und Veronika wurde schnell wieder zum Leben erweckt. Komischerweise wollte keiner mehr wissen, wie die Geschichte ausging. Wenn ich an heutige Horrorgeschichten und Filme denke, war die Story von damals ziemlich harmlos und die Kids würden sie mit einem müden „voll old School“ kommentieren, zumal ein Festnetztelefon darin vorkam.
Den Titel der Schulsiegerin erhielt ich später ebenso. Diesmal brachte ich einen kleinen Ausschnitt aus Richard Bachs berühmter Erzählung „Die Möwe Jonathan“ zu Gehör. Kein Blut, keine Festnetz-OP – lediglich eine Möwe, die Kunstflüge vollführte und sich dadurch von ihren futtersuchenden Artgenossen abgrenzte.
Vor einigen Jahren nahm ich zweimal an einem Poetry Slam teil. Bei einer solchen Veranstaltung lesen Autoren selbst geschriebene Texte, egal ob Lyrik oder Prosa. Ich drang bei beiden Events in die Endrunde vor und erreichte einmal den vierten und einmal den dritten Platz.
Fazit: Vorlesen macht Spaß, ganz gleich an welchem Ort – erst recht, wenn man eine geneigte Zuhörerschaft hat. Auf der Weihnachtsfeier in unserem Hotel im Bregenzer Wald lese ich jedes Jahr eine kleine Geschichte oder Gedichte vor. Als wir im September dort waren und beim Kaffeetrinken saßen, kam der Chef des Hotels, den wir schon lange kennen, auf uns zu. „Ihr glaubt es nicht“, meinte er. „Gerade rief eine Dame an und fragte, ob über Weihnachten noch ein Zimmer frei wäre. Auf der letzten Weihnachtsfeier hätte eine Dame Saxofon gespielt und Gedichte vorgetragen. Das wollte sie auch dieses Jahr auf keinen Fall verpassen.“ Vor Rührung fehlten mir die Worte – und das kommt bei mir nicht allzu oft vor.