Samstagabend. Gemeinsam mit einer Freundin befand ich mich auf dem Weg nach Dortmund, wo wir ein Konzert besuchen wollten. Sämtliche Parkplätze waren besetzt. „Schau mal nach einem Behindertenparkplatz“, schlug ich Verena vor. „Oh“, entgegnete sie. „Da vorne ist einer. Können wir uns dort hinstellen?“ „Ja“, sagte ich und gab ihr meinen Parkausweis. „Einfach vorne reinlegen und gut ist.“ „Praktisch!“, rief sie begeistert. „Ein richtiger „Zauberausweis“! Aber du hast dermaßen viele Nachteile, da musst du wenigstens einen kleinen Vorteil haben.“ Ich war etwas perplex, obwohl ich derlei Bemerkung nicht zum ersten Mal vernahm. Natürlich habe ich Nachteile, auch als blinde Person. Ich kann mich nicht einfach in ein Auto oder auf ein Fahrrad setzen und los düsen. Ab und zu wäre das cool, aber was hilft’s? Was kann ich gegen einen solchen Nachteil tun? Manchmal mit dem Taxi fahren, je nach dem, wo man hinmöchte, und mit welchen Verkehrsmitteln man am besten hinkommt. Für solche Zwecke erhält man bei sehr starker Seheinschränkung oder bei nicht Sehen jeden Monat Blindengeld, sozusagen als „Nachteilsausgleich“. Eine weitere Möglichkeit ist, jemanden zu fragen, ob sie oder er Lust hat an einem Event teilzunehmen. Mit meinem besten Freund gehe ich gerne zu Jazzkonzerten, die im Sommer unter freiem Himmel, und, wenn es kühler wird, in einer Bar stattfinden. Ohnehin macht es zu zweit oder in einer Gruppe viel mehr Spaß als allein. Eine sehende Kollegin meinte letztens: „Ich hätte Lust gehabt, zu einer Veranstaltung zu gehen. Aber ich hatte keine Begleitperson. So bin ich zu Hause geblieben.“ Dabei hätte sie sich ohne Probleme ins Auto setzen und zu ihrem Wunsch-Event fahren können.
Nach einem tollen Konzertabend gingen Verena und ich noch etwas trinken. Wir unterhielten uns angeregt. „Die Sängerin hatte eine wunderschöne Stimme, in der Glück und Traurigkeit zum Ausdruck kamen, je nach Genre und Song.“ Bemerkte ich. „Manchmal spürte man ein richtiges Fernweh, wenn es in ihren Liedern um Reisen und Urlaub ging. Hast du das auch gehört?“ „Ein bisschen“, erwiderte Verena. „Klar habe ich gehört, ob sie Fröhlichkeit oder Traurigkeit in der Stimme hatte. Aber auf die Texte, meist in Französisch oder Spanisch, habe ich nicht geachtet. Waren auch keine Untertitel zu lesen. Was du alles raushörst und verstehst.“ „Aha“, dachte ich, „Vorteil Nummer zwei und drei. „Bist du schon viel gereist?“, wollte ich wissen. „Nein“, antwortete Verena. „Mir fehlt das Geld. Ich bin froh, wenn ich die Miete für meine Wohnung und alles andere im täglichen Leben zahlen kann. Ab und zu gönne ich mir einen Kino- oder Konzertbesuch. Und du? Na ja, für dich ist reisen doch echt schwierig.“ Ich musste schmunzeln. „Man gurkt nicht unbedingt alleine durch die Welt“, sagte ich. „Ich reise mit meinem Mann, bin aber ebenfalls mit Gruppen oder Freunden unterwegs gewesen – und mit meiner leider verstorbenen Tante.“ „Wirklich?“, fragte Verena erstaunt. „Dann hast du definitiv mehr von der Welt gesehen als ich.“ „Vorteil Nummer vier“, platzte es aus mir heraus und ich wusste genau, dass Verena mich irritiert ansah.
Klar brauche ich in bestimmten Situationen mehr Hilfe, zum Beispiel als mir einmal die Zuckerdose herunterfiel. Überall klebte und rieselte es. Kurzerhand rief ich meinen Nachbarn an, nachdem ich überlegt hatte, ob ich ihn um Hilfe bitten oder selbst anfangen sollte zu wischen. Sofort kam er herüber und meinte: „Oh, schöne Bescherung. ich komm gleich wieder. Ich habe meine Brille vergessen.“ Bald war die zuckersüße Angelegenheit beseitigt und wir quatschten noch ein bisschen bei einer Tasse Kaffee.
Vor einiger Zeit nahm ich mit unserer Taizé Gruppe an einem Gottesdienst teil und spielte Altblockflöte. Unsere Gruppenleiterin, die neben mir Gitarre spielte, sagte: „Einen einzigen Vorteil hast du im Leben. Du kannst alles auswendig.“ Wieder wurde ich etwas stutzig. Ich arme Socke. Was soll ich mit einem Leben, das mir quasi nur Nachteile bietet? Wobei – mal zusammenzählen: Parkausweis: Vorteil Nr. 1. Nuancen wahrnehmen, die anderen entgehen. Vorteil Nummer 2. Fremdsprachenkenntnisse. Vorteil Nummer 3. Mehr von der Welt gesehen haben als mancher sehende Mensch. Vorteil Nummer 4. auswendig musizieren. Vorteil Nummer 5. Es läppert sich! Können wir noch einen sechsten? Yes, we can. Im Dunkeln lesen. Vorteil Nummer 6. Wir feiern gerade 200 Jahre Brailleschrift und da bietet es sich an, sie in diesem Artikel zu erwähnen. Schon als Kind nahm ich mein spannendes Buch mit unter die Bettdecke. Vorteil: Unbemerkt konnte ich lesen bis zum frühen Morgen. Nachteil: In der Schule schlummerte ich gelegentlich sanft vor mich hin, bis die verärgerte Stimme der Lehrerin mich unsanft weckte.
Was bemerkt der geneigte Leser? Alles im Leben hat zwei Seiten: Vor- und Nachteile. Dabei ist es gar nicht relevant, um welchen Lebensbereich es sich handelt. Wenn ich meine, irgendwo im Nachteil zu sein, denke ich an den Spruch: „Wo die Tür zufällt, öffnet sich ein Fenster.“
Unsere Papenmeier Reha-Technik produziert und vertreibt Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen. Hat eine Kundin / ein Kunde Schwierigkeiten an seinem Arbeitsplatz, weil sie / er beispielsweise mit der Tastatur bestimmte Eingabefelder oder Schaltflächen nicht erreicht, sorgen unsere Anpassungen dafür, dass die Kundin / der Kunde barrierefrei arbeiten kann und somit sein Nachteil ausgeglichen wird. Zu meinen Aufgaben gehört das Beraten spät erblindeter Personen, die verzweifelt sind, weil sie nicht mehr weiterwissen. Sie können nicht mehr wie früher mit den Augen lesen und sind freudig überrascht, was es für Möglichkeiten gibt. So erhielt ich vor kurzem den Anruf einer älteren Dame, die ein Daisyabspielgerät für Hörbücher bekommen hatte. „Frau Kochanek“, sagte sie. „Ich bin so glücklich, wieder lesen zu können, mit den Ohren statt mit den Augen. Mit 95 Jahren lerne ich keine Brailleschrift mehr. Aber dieser Apparat ist für mich Lebensqualität. Vielen Dank für die gute und hilfreiche Beratung.“ Vorteil Nummer wieviel?
Zum Schluss eine Anekdote aus dem täglichen Wahnsinn:
Vor einiger Zeit war ich furchtbar wütend. Aufgrund diverser Alltagsbarrieren und der Tatsache, dass ich nicht allein durch einen Park oder einen Wald joggen konnte, brodelte, nein, kochte es in mir. „Warum ich?“, fragte ich mich verzweifelt, wohlwissend, dass ich auf diese Frage keine Antwort erhielt. Auch in meinem geliebten Saxofon fand ich dieses Mal keinen rechten Trost. Was tun? Mich ins Bett legen? Keine wirkliche Lösung, zumindest nicht für den Rest des Abends. Ich ging in den Keller, zog Leggins und Sport-Shirt an, bat Alexa um eine gehörige Portion Lieblingsmucke und stieg auf den Crosstrainer. Lange strampelten meine Beine die Wut aus meiner Seele. Irgendwann war ich angenehm ausgepowert. „Geht es dir jetzt etwas besser?“, fragte mein Mann, als ich wieder ins Wohnzimmer kam. Ich nickte. „Wenn ich dir sage, dass ich ein Entspannungsbad eingelassen habe und ein Glas Aperol Spritz bereitsteht, geht es dir sicher noch besser.“, fügte er hinzu. Ich umarmte ihn. Bewegung, Musik, ein Entspannungsbad, ein sinnliches Getränk und ein so lieber Ehemann – wenn das keine Vorteile sind!