Karneval im Alltag

Ein bisschen Karneval im Alltag

An diesem Montag beginnt der Karneval. Am gleichen Abend hätte ich im Rahmen einer Lesung in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund einen Text zum Thema 11.11. vorgetragen. Leider wurde die Veranstaltung kurzfristig abgesagt. Nun möchte ich den Beitrag mit meinen Lesern teilen. Viel Freude dabei.

11.11. 11:11 Uhr. Was für Schnapszahlen! Im Rheinland und in den anderen Karnevalshochburgen fällt der Startschuss zum Auftakt der 5. Jahreszeit. Lange habe ich in Düren gelebt und mich auf die närrischen Tage gefreut. Im Karnevalshit der Kölschen Gruppe „de Räuber“ heißt es. „Jo am 11.11 Jeht dat Spillche loss. „Denn dann weed dr Aap jemaht, Ejal wat et och koss. De Oma jeht nom Pfandhaus, versetzt et letzte Stöck, Denn dr Fastelovend es für sie et jrößte Jlöck“. Übersetzt heißt das so viel wie: „Für ein Kostüm und für eine tolle Zeit mit ausgelassener Stimmung tut die Großmutter alles – versetzt sogar ihr letztes Stück.“

Ob ich so weit gehen würde, für eine Verkleidung alles zu verkaufen – ich glaube nicht. Aber was mir persönlich am Karneval gefällt, ist die ausgelassene Stimmung, vorausgesetzt, alles bleibt friedlich, ohne Gewalt und Pöbelei. Sich unterhaken, schunkeln, mitsingen, pure Freude erleben, vielleicht sogar mal lautstark mitgrölen
oder aus vollem Hals lachen, den Alltag mit all seinen Sorgen und Belastungen hinter sich lassen. In solchen Situationen lebt man im Hier und Jetzt. Man fürchtet nicht, was morgen oder nächste Woche sein könnte. Man trauert nicht den Dingen nach, die in der Vergangenheit liegen. Was wäre gewesen, wenn? Eine Antwort ist ohnehin hinfällig.

Karneval im Ruhrgebiet existiert natürlich auch, anders als im Rheinland, aber es gibt, vor allem für Kinder, einen Umzug an Rosenmontag in den meisten Städten. In Schwerte, wo wir nun seit über 15 Jahren leben, bin ich kaum von Karnevals-Fans umgeben. Hier trifft eher der Spruch zu: „Nach einigen Stunden war die Stimmung so weit gestiegen, dass das zweite Konfetti auf den Tisch geworfen wird.“ Ganz so schlimm ist es nicht. Auch in Schwerte kann gefeiert, gesungen und gelacht werden. Obwohl ich den rheinischen Karneval jedes Jahr aufs Neue vermisse, schaffe ich mir immer wieder Momente, in denen ich ausgelassen sein kann. Ich singe bei einem guten Song kräftig mit, ich lache mich über Kleinigkeiten schlapp, die andere noch nicht mal witzig finden. Ich musiziere mit Freude, sei es in einer Gruppe oder einfach für mich. Gerne besuche ich Konzerte, bei denen man ab und zu mitklatschen oder mitwippen kann. Manchmal habe ich Lust auf verrückte Sachen wie einen Tandem-Fallschirmsprung oder Tandem-Paragliding. Aber auch im Alltag darf es Augenblicke geben, die aus dem Rahmen fallen und ruhig ein wenig verrückt sein können:

Zum Beispiel genieße ich eine Regendusche im Garten, wenn die Luft trotzdem warm ist und nach Regen riecht. Ich laufe gerne barfuß durchs hohe Gras, auch, wenn im Winter gelegentlich Schnee liegt. An einem heißen Samstag, den wir in Villingen verbrachten, bin ich immer wieder durch ein Kneipbecken gestapft, auch, wenn mir die Füße fast abzufallen drohten.

Da ich schaukelnde und drehende Bewegungen besonders mag, ist der Skywalk in Villingen genau das Richtige. Die lange Hängebrücke unter mir schwankte bei jedem Schritt und der Wind wehte um meine Nase. Ich fühlte mich frei und glücklich, losgelöst von der Außenwelt. Ist nicht ein bisschen Karneval für alle Menschen wichtig? Hin und wieder sollten wir darauf zurückgreifen, Besonders, wenn es uns nicht gut geht – nicht nur am 11.11. um 11:11 Uhr.

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