Was gibt es Besseres, als am Story-Telling-Day, also am Tag des Geschichten-Erzählens, tatsächlich eine zu erzählen? Im Literaturkreis „BLAutor“, von dem ich bereits mehrfach berichtete, lautet das aktuelle Schreibthema: „Glücksmomente“. Da ist mir eine kleine Geschichte eingefallen, die ich tatsächlich vor ein paar Wochen erlebte. Protagonist, also „Titelheld“ der Story, ist nicht etwa ein Mensch oder ein Tier, sondern ein Grashalm. Aber lest selbst:
Wie das Glück zu uns kam oder: Ein Grashalm erzählt
Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein unscheinbarer Grashalm, wohnhaft in einem kleinen Garten. Ihr mögt euch fragen: Was soll ein Grashalm schon von sich erzählen? Wer hat je über einen Grashalm etwas geschrieben? Ihr kennt niemanden? Ich auch nicht. Also dann kann ich meine kleine Geschichte bedenkenlos zum Besten geben.
Zusammen mit meinen Geschwistern friste ich ein eher karges Dasein. Wir freuen uns, wenn wir ein bisschen Sonne abbekommen, aber noch mehr, wenn wir von einem Regenschauer begossen werden. Dann wachsen wir in die Höhe und haben das Gefühl, ein Teil der Natur zu sein. Aber wenn wir den ganzen Tag in der Wiese stehen und uns keiner beachtet, sind wir oft traurig und einsam, obwohl wir so viele sind. Blumen werden bewundert. Wenn die ersten Schneeglöckchen ihre zarten Köpfe aus der Erde strecken, bestaunen sie die Menschen. „Oh, die ersten Frühlingsboten. Schaut mal!“. Wenig später folgen Krokusse und Narzissen.
Der kleine Garten, in dem ich stehe, gehört zu einem Bungalow. In ihm leben zwei Personen: ein Mann und eine Frau, die blind ist. Irgendwann habe ich die Namen der beiden mitbekommen: Laura und Jan. Besonders Laura liebt den Garten. Sie läuft gern barfuß über die Wiese, sogar, wenn Schnee liegt. Dann merke ich, wie ihre Füße über mich hinweglaufen. Sie trampeln nicht auf uns herum, sondern bewegen sich mit leichtem Schritt. „Wenn ich mich doch nur verständlich machen könnte?“, denke ich ab und zu. „Ich würde Laura manches mitteilen.“
Eines Morgens, nach einer eiskalten Nacht, sind wir mit Raureif überzogen. Es fühlt sich an, als ob wir von einer Hülle umschlossen sind, oder, um mit den Kleidungsstücken der Menschen zu sprechen, als ob wir eine hautenge Jacke anhaben. Die Eisschicht schützt uns und verleiht uns ein völlig anderes Aussehen. Aber wer bemerkt das schon? „Eisblumen werden bewundert, wir nicht“, knurrt einer meiner Brüder. „Wenn ein Teich zugefroren ist, fällt das sofort ins Auge“, grummelt eine Schwester. „Aber wir stehen hier unbeachtet rum. Wenn wir nicht da wären, wen stört’s?“ „Na ja, stimmt nicht ganz“, erwidert ein anderer Bruder. „Ohne Grashalme keine Wiese. Das würde schon auffallen. Meinst du nicht?“ In dem Moment öffnet sich die Terrassentür. Laura kommt heraus. Ich sehe ihr an, dass es ihr nicht gut geht. Sie hat feuchte Augen und murmelt irgendetwas vor sich hin. Einmal hat ihr Mann zu Laura gesagt: „Du hörst das Gras wachsen.“ Ich musste kichern. Ob man das tatsächlich hört? Nun verstehe ich, was Laura sagt: „Ich bin krank und fühle mich schlapp. Gestern wäre ich so gern in das schöne Konzert gegangen, und was ist? Ich hänge hier herum. Klar kann man das auch mal als Pause nutzen, aber ich fühle mich im Moment nutzlos und niedergeschlagen. Jan und ich hatten auch noch so einen blöden Streit. Er weiß sowieso immer alles besser.“ Ihre Stimme wird wütend. „Das Glück ist nicht gerade auf meiner Seite in der letzten Zeit. Ein Engagement mit dem Saxofon musste ich absagen, Bandprobe geht ebenfalls nicht. Ich muss ständig schniefen und husten.“, was sie kurz darauf ausgiebig tut. Wenn Laura Saxofon übt, höre ich es durchs geschlossene Zimmerfenster. Manchmal spielt jemand mit ihr. Dann kommt die Musik aus dem Wohnzimmer. Das klingt richtig schön.
Laura tritt auf den Rasen und geht ein paar Schritte geradeaus. Dann bückt sie sich und berührt meine frostige, hautenge Jacke. „Wow“, entfährt es ihr. „Ein wahres Kunstwerk. Dieser mit Raureif überzogene Grashalm ist ein Wunder der Natur.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Was hat sie gesagt? „Wir sind Kunstwerke?“, flüstert eine meiner Schwestern. „Hört euch das an. Diese Bemerkung geht in die Geschichtsbücher ein.“ „Hey, du Angeber“, raunt ein Bruder. „Nun übertreib nicht. Aber gut tut’s schon.“ Sanft streicheln Lauras Finger an mir hinunter und wieder hinauf. Es ist ein wohliges Gefühl, dazu die Sonne, die gerade herauskommt. „Jetzt wird das Eis langsam zu Wasser“, stellt Laura fest. „Mein Grashalm taut auf.“ Ihre Hand greift nach meinen Geschwistern um mich herum. Alle werden vorsichtig und liebevoll berührt. „Bald seid ihr wieder grün hinter den Ohren.“, lacht Laura. Ihre Wut ist verschwunden. Sie ist glücklich. „Dieser kleine Glücksmoment ist so groß und wertvoll.“, ruft sie aus und betrachtet uns mit den Händen. „Ihre Finger können sehen“, denke ich und versuche, ein bisschen zu wackeln.
Nach einer Weile geht Laura zur Hecke hinten im Garten. Sie dreht sich um, sodass die Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht fallen. „Viele Menschen bemerken solche Wunder gar nicht“, sagt Laura. „Das stimmt“, gebe ich in meiner Sprache zurück und wünsche, dass Laura mich trotzdem versteht. Durch einen Windstoß rascheln wir. Das hört sie bestimmt. „Da siehst du mal“, sagt ein Bruder. „Wir sind was ganz Besonderes. Schneeglöckchen und Krokusse: Ihr könnt einpacken.“ Wir lachen leise vor uns hin. Laura lacht ebenfalls. „Ich würde gern länger hierbleiben, aber ich habe zu tun.“ Sie läuft auf die Terrasse zu, bückt sich jedoch vorher. Ihre Finger berühren uns zärtlich, allerdings haben wir fast alle unseren frostigen Mantel abgelegt. „Danke, dass ihr mir dieses Glück beschert habt.“, flüstert sie. „Wir danken dir“, erwidere ich. „Du hast uns gezeigt, dass wir genau auf das stolz sein können, was wir sind.“ Meine Geschwister stimmen mir zu. „Wir müssen keine prachtvollen Blumen sein, um einen Menschen glücklich zu machen“, stellt eine Schwester fest. „Einen speziellen Menschen“, ergänze ich. „Und sie hat uns mindestens genauso beglückt. Drum lasst uns diesen Glückstag feiern.“