Mit einer lustigen Anekdote aus meiner Studentenzeit möchte ich den Blogartikel zum Tag des weißen Stockes beginnen:
In den Semesterferien besuchte ich meine Eltern in Düren. Einmal fuhr ich mit dem Bus in die Stadt, um mich dort mit einer Freundin zu treffen. Im Bus holte ich eine Braille-Zeitschrift heraus und begann zu lesen. Mein Stock stand neben mir in der Ecke. Plötzlich sprach mich eine ältere Dame an, die in der Nachbarschaft meiner Eltern wohnte. Ich kannte sie seit der Kindheit und sie war bekannt dafür, sämtliche Neuigkeiten, die im Dorf erzählt wurden zu verbreiten. „Anne, Liebschen. Bist du bei deinen Eltern? Dat is ja schön. Isch hab jehört, du hast einen Freund? Hat der dat gleische Leiden wie du?“ Mit „Freund“ meinte sie meinen Mann, mit dem ich damals schon zusammenlebte. Ich stutzte kurz. Welches Leiden meinte die gute Frau? Ich war weder erkältet noch hatte ich sonst irgend eine Krankheit. Dann ging mir auf, dass sie meine Augen meinte. „Nein“, entfuhr es mir. „Mein Freund hat ’ne andere Macke.“ Der Rest der Busfahrt verlief ziemlich ruhig und ich las den Artikel in der Zeitschrift zu Ende. Als ich die Geschichte meiner Freundin erzählte, brach sie in schallendes Gelächter aus, zumal sie nach einer Knie-Operation zu dieser Zeit an Krücken ging. „Isch hab Knie“, stellte sie fest. „Dat is ein janz anderet Leiden als dat wat du hast.“
Auch, wenn uns die Frage der älteren Dame zum Lachen brachte, war sie, von ihrer Warte aus gesehen, ernst gemeint. Sie empfand eine Beeinträchtigung als „Leiden“, ganz gleich, ob die betroffene Person dies selbst so empfindet oder nicht. In dem Fall lohnte es sich meiner Meinung nach nicht, der Frau meine Sichtweise zu erklären und ich ließ sie in dem Glauben, dass ich ein „Leiden“ habe. Bei den meisten Menschen in meinem Umfeld würde ich jedoch die Sache gerade rücken. Einen offenen Umgang mit meinen Mitmenschen halte ich für sehr wichtig. Auf diese Weise werden nämlich Missverständnisse und falsche Ansichten aus dem Weg geräumt. Deswegen kann man mich alles Mögliche und Unmögliche fragen. Sollte es mir einmal zu viel werden, melde ich mich. Besser, man fragt, als dass Dinge behauptet werden, die nicht stimmen.
Ich kann mich gut an eine Politikstunde in der Schule erinnern. Es ging um das Thema Fernsehen und wie viele Stunden die Schüler am Tag konsumierten. Wir wurden reihum gefragt. Als meine Sitznachbarin ihre Meinung geäußert hatte, wäre ich dran gewesen und wurde vom Lehrer übergangen. Verblüfft fragte Ich ihn, warum ich nicht drangekommen war. Der Lehrer erwiderte schlicht: „Du guckst doch sowieso kein Fernsehen.“ Zunächst war ich völlig perplex und wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Nach dem Unterricht erklärte ich ihm, dass ich sehr wohl fern sah, wenn auch nicht täglich, aber das lag nicht an meinem fehlenden Sehvermögen. „Oh“, entgegnete er erstaunt. „Das hätte ich nicht gedacht.“
In unserem letzten Urlaub im Bregenzer Wald stellte ich fest, dass meine Trekking-Schuhe demnächst den Geist aufgeben würden. Der Verkäufer im örtlichen Schuhgeschäft war sehr nett und zeigte mir verschiedene Modelle. Plötzlich fragte er erstaunt: „Also gehen Sie wandern?“ „Ja, natürlich. Warum sollte ich das nicht tun?“, erwiderte ich. „Ja, aber wenn es viele Stufen hat“, fuhr er fort. „Wie kommen Sie damit zurecht?“ „Wir waren gestern in der Rappenlochschlucht“, ergriff mein Mann das Wort. „Stufen rauf, Stufen runter. 187 Stück, laut Hinweisschild. Kein Problem. Ich ging vor meiner Frau her. Sie folgte mir – in schwierigem Gelände mit Stock.“ „Oh, das hätte ich nicht gedacht.“ Gab der Verkäufer zurück. Die Antwort kam mir vertraut vor!
Meine verstorbene Tante Beate, die, wie ich in einem anderen Artikel erwähnte, eine der wichtigsten Vertrauenspersonen für mich war, hatte folgende Erklärung: „Weißt du, die meisten Leute denken, wenn sie die Augen schließen, wären sie blind und gleichzeitig hilflos. Das ist es eben nicht. Außerdem kennst du es nicht anders. Viele vergessen, dass man auch andere Sinne zur Verfügung hat, mit denen man seine Umwelt sehr gut wahrnehmen kann.“ Beate war von Beruf Grundschullehrerin. Gelegentlich ging ich mit in den Unterricht. Ich zeigte den Kindern verschiedene Hilfsmittel, die sie selbst ausprobieren konnten. Im Rahmen einer Projektwoche entstand ein wunderschönes Bilderbuch, welches sich sowohl mit den Augen als auch mit den Händen betrachten ließ. Die Kinder waren mit Begeisterung bei der Sache und stellten mir die unterschiedlichsten Fragen: „Du hast gesagt, du gehst schwimmen. Aber ertrinkst du denn nicht?“, fragte jemand. „Warum soll ich ertrinken?“, gab ich zurück. „Ich kann genauso schwimmen wie du und habe an Wettkämpfen teilgenommen.“ Oder: „Wie schreibst du? Kannst du uns das zeigen?“ Ich erklärte ihnen, was eine Braillezeile ist und dass ein Laptop oder ein Handy sprechen kann. Ebenso brachte ich eine Braille-Schreibmaschine mit, auf welcher die Schüler die Blindenschrift üben konnten. Beate erzählte mir einige Tage nach meinem Besuch, ein Junge, der an dem Tag krank war, hätte behauptet, Blinde könnten nicht lesen. Wie sollte das denn gehen? Eine seiner Mitschülerinnen sprang auf: „Du hast von nichts ’ne Ahnung. Die Anne war in unserer Klasse und hat uns was vorgelesen. Kennste keine Punktschrift? Du kennst echt überhaupt nichts.“ „Wir haben Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“ gespielt und Karten“, ergänzte ein anderes Kind. „Wir haben Bilderbücher geguckt: Anne mit den Fingern und wir mit den Augen.“ „Nee“, kam ein weiterer Schüler dazu. „Wir haben auch alles gefühlt. Das war voll cool. Zu Hause haben meine Schwester, mein Bruder und ich Kuchen gegessen mit Augen zu. Die Mama hat die Krümel überall weggesaugt.“ Beate und ich lachten bei der Vorstellung.
Hin und wieder kommen Besuchergruppen in mein Büro um sich meinen Arbeitsplatz und die dazugehörige Arbeitsweise anzusehen. „Ach, das hätten wir nicht gedacht“, höre ich jedes Mal und: „Unglaublich, dass Sie so schnell lesen und schreiben können.“ „Ich habe schon als Kind gerne gelesen und geschrieben“, antworte ich den Besuchern. „Wie jedes sehende Kind habe ich Lesen und Schreiben gelernt. Ich empfinde es nicht als anstrengend. Anders mag das bei spät erblindeten Menschen aussehen, die Braille erst im Erwachsenenalter lernen.“
Als ich zum ersten Mal mit taubblinden Menschen in Kontakt kam, lernte ich, dass es ein Fingeralphabet gibt, das „lormen“ heißt. Ich brachte mir die Buchstaben mit Hilfe des Internets bei und konnte tatsächlich auf einer Messe mit taubblinden Menschen über diesen Weg kommunizieren. Ich war nun meinerseits erstaunt, wie gut die Unterhaltung klappte, zumal wir ebenfalls ein Braille-Notizgerät zur Hilfe nahmen. Wenn ich meinem Gegenüber etwas in die Hand lormte und sie/er mich verstand, freuten wir uns gemeinsam und die Betreuer der taubblinden Person hatten eine kleine Pause. So erfuhr ich, dass man auch mit taktilen Gebärden sprechen kann. Die taubblinde Person legt ihre Hände auf die gebärdenden Hände des Gesprächspartners um Form und Bewegung der Gebärden abzufühlen. Grundlage des taktilen Gebärdens ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Leider erhielt ich bisher nur einen kleinen Eindruck, wie solche Gebärden funktionieren, aber ich habe erlebt, wie schnell Gebärdende miteinander sprechen können. Daraufhin las ich das hochinteressante Buch des taubblinden Seelsorgers Peter Hepp: „Die Welt in meinen Händen“. In einem Kapitel beschreibt er, was seine Mitmenschen ihn fragen. Häufig können sie nicht glauben, mit welchen Tricks Herr Hepp sein Leben meistert. Obwohl ich oft dachte: „Oh, das kommt mir bekannt vor“, habe ich beim Lesen des Buches manches Mal vor mich hingemurmelt: „Das hätte ich nicht gedacht.“
