Zum Welttag des Hörens kann besonders eine blinde Person wie die Autorin dieses Blogs jede Menge schreiben. Doch wo fange ich an?
1975 hat der blinde US-amerikanische Autor Tom Sullivan eine Autobiografie mit dem Titel: „Wenn ihr sehen könntet, was ich höre“ geschrieben. Vor über 50 Jahren war die auditive Technik, wie sie heute existiert, längst nicht so weit. Umso mehr half es Tom Sullivan oder anderen in seiner Situation, wenn vorgelesen wurde. Wie viele blinde Menschen verfügte er über ein phänomenales Gedächtnis, das die gehörten Informationen abspeicherte und bei Bedarf abrief.
So wurden meine grauen Zellen schon als kleiner Stöpsel trainiert. Lebhaft erinnere ich mich daran, dass ich die Geschichten im „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann schnell auswendig rezitieren konnte, nachdem meine Eltern sie mir vorgelesen hatten. Mit Gedichten verhielt es sich ähnlich. Ich trug sie zu allen möglichen Gelegenheiten wie Familienfeiern oder Events solcher Art vor. Auch heute verfasse ich Geschichten und Lyrik, welche ich gern zu Gehör bringe. Dies erwähnte ich bereits im Artikel zum bundesweiten Vorlesetag im November.
51 Jahre nach der Erscheinung von Sullivans Buch hat sich nicht nur die Braille-Technologie, sondern auch die auditive Technik enorm verändert. Vom PC mit Braillezeile und Sprachausgabe über Notebooks bis hin zu Tablets und Smartphones spannt sich der Bogen. War ich während meiner Schulzeit froh, wenn ich Texte auf Kassette bekam, so kann ich heute technische Helfer zurate ziehen. E-Books gibt es in Hülle und Fülle, genau wie Hörbücher, kommerziell bei Audible oder im Daisyformat bei diversen Hörbüchereien. Waren zu Sullivans Zeiten zwar Hörspiele auf Schallplatte oder Kassette verfügbar, hat sich die Auswahl an Hörmedien immens erweitert. Hörspiele werden zum Großteil im Dolby-Surround-Sound produziert. Hört man sie sich per Kopfhörer an, hat man das Gefühl, in einem Kinofilm zu sitzen, Kino im Kopf sozusagen. Allerdings gibt es schon seit Jahren, und das immer mehr, Filme mit Audiodeskription. Visuelle Vorgänge werden akustisch beschrieben, was zunehmend in Theatern und bei Sportveranstaltungen der Fall ist. Sogar Ballettaufführungen werden mittlerweile „audiodeskribiert“.
Als vor Kurzem die Olympischen Spiele im Fernsehen liefen, schaltete ich auf dem zweiten Tonkanal die akustische Beschreibung ein. Sämtliche Sportarten wurden mit großem Engagement beschrieben, Eistanzen und Eiskunstlaufen gleichermaßen, was mich besonders freute.
Eine meiner Lieblings-Apps ist „Seeing AI“. Mit deren Hilfe lasse ich mir nicht nur Fotos akustisch erklären, sondern ebenfalls den Inhalt von Packungen und Flaschen. Ein aktuelles Beispiel möchte ich aufzeigen:
In der Mittagspause wollte ich mich bei dem schönen Frühlingswetter in die Sonne setzen. „Vorsicht“, dachte ich. „Ein bisschen Sonnencreme ins Gesicht pinseln ist angebracht.“ Im Schrank befanden sich zahlreiche Tuben und Fläschchen, wie es sich für ein geordnetes Chaos geziemt. Ich nahm eine Tube heraus, öffnete den Deckel und roch. „Das kann Sonnencreme sein, muss es aber nicht.“ murmelte ich vor mich hin. Mein Mann war nicht zugegen, der hätte draufschauen können. Kurzerhand nahm ich „Seeing AI“ zur Hilfe. „Nach dem Sonnenbaden auftragen“, las die Sprachausgabe meines Smartphones vor. „Nee, die tuste nicht drauf“, beschloss ich. „Erst später“. Erneut ging ich zum Schrank und griff nach einer von der Form her ähnlich beschaffenen Tube. Wieder kam mir „Seeing AI“ zur Hilfe. „Sol, Sun. Lichtschutzfaktor 30“, hieß es. „Wasserfest“, dazu die Menge in der Tube und weitere nützliche oder überflüssige Informationen. „Nehmen wir die solange!“ rief ich glücklich aus. Wenig später erfreute ich mich an der schon recht intensiven Februarsonne.
Was ich trotz der modernen Technik immer noch sehr wichtig finde, ist, einander zuzuhören. Leider wird eine solche Eigenschaft oft nicht beherzigt. In unserer Familie lauschen wir uns gegenseitig. Ich werde nie vergessen, wie meine Eltern mir abwechselnd die Geschichte „Der Golem“ von Gustav Meyrink vorlasen. Eine Theatervorstellung der Extraklasse. Zu schade, dass ich keine Aufnahme davon gemacht habe.
Jedes Jahr in der Adventszeit gestaltet der Schreibzirkel blinder und sehbeeinträchtigter Autoren „BLAutor“ gemeinsam mit dem Landeshilfsmittelzentrum „LHZ“ Sachsen eine Lesung. Diese findet, rein auditiv, am Telefon statt. Wer mag, kann etwas zum Thema „Weihnachten“ vortragen, sei es von anderen Autoren oder selbst geschrieben. Begeistert wohnen meine Eltern dieser Lesung bei. Texte kreativ zu gestalten und Menschen zu Gehör zu bringen, macht einfach Spaß, ebenso das Zuhören, wenn jemand einen Beitrag zum Besten gibt.
Vieles lässt sich zum Thema „Hören“ schreiben. Die Musik darf an dieser Stelle keinesfalls fehlen. Es ist nicht nur eine Bereicherung, sie zu hören und sich an ihr zu freuen, sondern ein besonderes Geschenk, Menschen mit Musik eine Freude zu machen. Erst gestern konnte ich auf einer Veranstaltung viele Zuhörer mit meinem Saxofon beglücken. Als wir nach dem Event im Dortmunder Rombergpark spazieren gingen, um 1,5 Kalorien des leckeren Essens abzuarbeiten, hielten wir an einer Bank inne. Ein Herr spielte auf seiner Handpan, sehr beruhigend und meditativ. Wir lauschten ihm andächtig. In sein Spiel hinein quakte eine Ente genau an passenden Stellen. Vögel sangen im Hintergrund und die tief stehende Sonne spiegelte sich im See. Die Stimmung hätte romantischer nicht sein können. Dieser Musiker hat uns eine kleine Auszeit geschenkt, in der wir zur Ruhe kommen konnten und uns im Hier und Jetzt befanden.
Zum Abschluss des Artikels etwas zum Lachen gefällig? Man kann nicht nur zu- oder weghören, man hat auch die Möglichkeit, sich zu verhören. Axel Hacke hat zu diesem Thema mehrere lesenswerte, amüsante Bücher geschrieben. Aber auch im Alltag ist es möglich, sich mit Verhörern zu amüsieren. Im Radio lief ein eher selten gespielter Song der Bee Gees. Ich hörte, während ich in der Küche herumwuselte, nicht richtig hin. Plötzlich vernahm ich Barry Gibbs unverwechselbare Stimme in einer Art Staccato: „Biene Maja, Biene Maja“. „What?“ dachte ich. „Haben die Bee Gees auch zum Soundtrack des Films beigetragen?“ Der Song endete mit der folgenden Ansage des Moderators: „Mal ein nicht oft gespieltes Stück der Gebrüder Gibb. „He’s a Liar.““. Ich prustete los.
Ein Hoch auf unsere Ohren!