Bekanntlich lernt man nie aus. So wusste ich bis dato nicht, dass es einen Weltalphabetisierungstag, auch Weltbildungstag genannt, gibt, der am 08. September jährlich stattfindet. Laut Wikipedia können 860 Millionen Erwachsene weltweit nicht richtig lesen und schreiben, wovon zwei Drittel Frauen sind. In Deutschland gelten 6,2 Millionen Menschen als „gering literalisiert“. Dies bedeutet, dass sie höchstens einfache Sätze lesen und schreiben können. Der Weltalphabetisierungstag wurde 1965 von der UNESCO in Teheran ins Leben gerufen.
Da sieht man, das Lesen, Schreiben und Bildung keine Selbstverständlichkeit sind. Für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen ist es heute wesentlich einfacher an Informationen zu kommen als zu meiner Schulzeit. Mir wurde viel vorgelesen und meine Mutter beherrschte die Punktschrift fließend, um Texte für mich aufschreiben zu können. Schon früh lernte ich, neben Braille die Schwarzschriftbuchstaben kennen und sehr schätzen. Angefangen mit einer Magnettafel über Russisch Brot bis hin zu einem Apparat, der sich Optacon nannte. An das Gerät wurde eine Handkamera geschlossen, welche beispielsweise mit der linken Hand über eine Buchseite geführt wurde. Die rechte Hand befand sich am Gerät, wobei der Zeigefinger in einer Mulde lag. Kleine Stifte bildeten die Umrisse der Buchstaben auf dem Papier nach. Wenn ich eine Weile am Optacon gelesen hatte, fing mein Zeigefinger an zu kribbeln und ich musste pausieren. Heute wird das Optacon nicht mehr hergestellt, da es durch digitale Technik abgelöst wurde. Ich bereue keinesfalls, Schwarzschrift gelernt zu haben und ich kann sie hin- und wieder nutzen. Vor Jahren waren mein Mann und ich in Neuseeland. Auf einem Friedhof las ich die Inschriften auf den Grabsteinen. Mein Mann nahm meine Hand und legte sie auf einen Stein. Ich las und las und wurde nicht schlau aus der Sache. Es stellte sich heraus, dass der Stein mit japanischen Schriftzeichen versehen war.
Natürlich freue ich mich sehr, die digitale Technik in vollem Maße einzusetzen, sei es durch den Rechner oder das Smartphone. Auch der Scanner war schon ein großer Fortschritt, aber ab und zu schreibe ich tatsächlich noch Kleinigkeiten auf meiner alten Punktschriftmaschine, wenn auch wenige. Ich finde es toll, dass so viel über Sprache funktioniert und ich erfreue mich an schönen Hörbüchern. Dennoch ist das Lesen mit den Fingern für mich von großer Bedeutung. Wenn ich einen Text wie diesen Blogartikel verfasse, möchte ich kontrollieren, was ich geschrieben habe um ihn danach zu korrigieren oder Dinge zu ändern bzw. hinzuzufügen. Für das schnelle Braille-Lesen finde ich Kurzschrift ebenfalls wichtig. Ich hatte das Glück sie in der Grundschule zu erlernen. Von vielen blinden Schülern weiß ich, dass sie keine Kurzschrift mehr beherrschen, nicht zuletzt, weil sie ihnen keiner mehr beibringt. Ich hatte einmal zwei blinde Schülerpraktikanten, 10. Klasse. Beide verwendeten hauptsächlich die Sprachausgabe am PC. Als es ums Braille-Lesen ging, meinte einer: „Nee, das braucht doch kein Mensch. Gibt doch Sprache.“ In der Tat lasen sie nur mäßig und langsam Braille, obwohl beide von Geburt an blind waren. Einer der Schüler wollte nach Marburg aufs Gymnasium und wurde dort nicht genommen, weil er kein Kurzschriftbuch lesen konnte. Von Schülern der Blista Marburg weiß ich, dass dort darauf Wert gelegt wird. Für spät erblindete Menschen ist es schwer, im Alter Braille zu lernen, geschweige denn Kurzschrift. Eine Kundin hatte ich, die mit 93 Jahren Braille lernte und dadurch wieder Kinderbücher lesen konnte. Auf Medikamentenpackungen findet man mittlerweile standardmäßig Punktschrift oder man kann für den Eigenbedarf Braille-Label aufkleben. Auch bei Kartenspielen wie Mau-Mau. Romé oder Uno ist Braille sehr hilfreich, da man so die Karten leicht identifizieren kann. Fremdsprachen lassen sich, meiner Meinung nach, besser lernen, wenn man, zusätzlich zum Hörverständnis, mit den Augen oder den Fingern sieht, wie Wörter geschrieben werden, oder ob ein Buchstabe mit einem Accent versehen ist.
Zusammenfassend möchte ich jede/jeden ermutigen, lesen und schreiben zu lernen. Wenn es mit den Augen nicht geht und man fühlt sich dazu in der Lage, dann nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Fingern. Hier ist anzumerken, dass es Menschen gibt, die das Feingefühl in den Fingerkuppen nicht haben, aufgrund von Diabetes oder anderer Krankheiten. Einer meiner spät erblindeten Kunden hatte früher auf dem Bau gearbeitet. Seine Finger waren so dick, dass er auch sehr stark erhabene Braillepunkte nicht hätte fühlen oder lesen können. Folglich kommt es auch auf die Person und deren Fähigkeiten an. Allgemein ist es jedoch in meinen Augen unerlässlich, zu lesen und zu schreiben, egal, ob visuell oder haptisch. In der europäischen Kampagne LivingBraille200 wird derzeitig jeden Tag ein Artikel zu diesem Thema gepostet. Autoren können dort hin schreiben mit Anregungen, kleinen Geschichten, ihre Erfahrungen mit der Brailleschrift beschreiben und welche Vorteile das Lesen bzw. wieder Lesen für sie gebracht hat. Die Internetseite lautet: www.livingbraille.eu. An folgende E-Mail-Adresse können Beiträge geschickt werden: braille200@livingbraille.eu
In meiner Geschichte „Liebe Grüße von Pünktchen“, die 2020 einen Preis im Onkyo Wettbewerb der europäischen Blindenunion gewonnen hat, beschreibe ich die Beziehung zwischen einem alten, fast blinden Mann und einem kleinen sehenden Mädchen, die sich Briefe in Braille schreiben. Das Mädchen ist übereifrig, Braille zu lernen. Der alte Herr tut sich anfangs schwer, hat aber schließlich großen Spaß daran, über die Punktschrift zu kommunizieren, zumal die Geschichte am Schluss eine Wendung erfährt. Aber lest selbst!