Seit dem Jahr 2000 ist der 21. Februar Internationaler Tag der Muttersprache. Ziel der UNESCO ist es, sprachliche Vielfalt zu fördern und zu erhalten. Laut UNESCO existieren 6700 Sprachen weltweit. Da ich im September letzten Jahres einen Artikel anlässlich des Internationalen Tags der Fremdsprachen schrieb, darf nun ein Beitrag über die Muttersprache, oder „Erstsprache“, nicht fehlen. Aber woher kommt der Begriff „Muttersprache“? Im Duden findet sich folgende Definition: „Sprache, die ein Mensch als Kind (von den Eltern) erlernt {und primär im Sprachgebrauch} hat.“. Bildlich gesprochen handelt es sich um die Sprache, welche ein Baby, sozusagen mit der Muttermilch einsaugt.
Laut meiner Eltern habe ich sehr schnell und früh sprechen gelernt. Sprache bedeutet Kommunikation und dadurch Kontakt mit den Mitmenschen, sei es in der Familie oder später mit der Außenwelt. In unserer Verwandtschaft wurde stets großen Wert auf Kommunikation gelegt. Aufgrund meines fehlenden Sehvermögens wurde alles beschrieben, was meine Mitmenschen sahen oder Taten. So erzählte meine Mutter, dass sie mir, auch als ich längst noch nicht sprechen konnte, schilderte, was gerade geschah. „Jetzt decke ich den Tisch.“ oder: „Da kommt Papa in die Küche.“ Oder: „Der Himmel ist ganz grau. Gleich fängt es an zu regnen.“, etc. Visuelle Dinge/Ereignisse blieben mir niemals verborgen. Farben gehörten / gehören genauso zu meinem Leben wie Geräusche, Gerüche und Formen.
Ebenso wurde in der Familie immer viel gelesen bzw. vorgelesen. Dies beflügelt die Fantasie der Kinder und erweitert deren Wortschatz. Bevor ich wusste, wie eine Geschichte ausging, dachte ich mir einen Schluss aus oder erfand eine eigene Version. Sobald ich lesen und schreiben konnte, schrieb ich selbst Geschichten und Gedichte, sowohl Ausgedachtes als auch Erlebtes. Jede Form der Kommunikation war mir willkommen.
Als ich in der zweiten Klasse war, bekamen wir einen türkischen Mitschüler. Murat konnte kein Wort Deutsch außer „kaputt“. In rasantem Tempo lernte er die für ihn fremde Sprache, wobei er anfangs alles mit seinem Lieblingswort verband. „Fenster kaputt. Schule kaputt. Lehrer kaputt.“ Damit die türkischen Kinder ihre Muttersprache lesen und schreiben lernten, erhielten sie Türkisch-Unterricht. Lustigerweise stellte sich heraus, dass Murats türkisch-Lehrerin in der Blindenschule die Mutter meiner späteren Klassenkameradin im Gymnasium war. Songül las die Brailleschrift mit den Augen, weil sie ihrer Mutter half, die Hausaufgaben der Kinder zu korrigieren. War uns im Unterricht langweilig, was durchaus öfter vorkam, schrieben wir uns in Braille kleine Zettel, wobei wir die Zeichen mit einem spitzen Stift ins Papier drückten, sodass kein Geräusch wie das Klappern einer Punktschriftmaschine entstand. Einmal fragte sie mich nach einem Buchstaben und ich flüsterte ihr die Punktkombination über den Tisch zu „Z ist 1,3,5,6“. „Anne, Songül“, kam es von unserem Lehrer, „Könnt ihr das Zahlenspiel bitte bleiben lassen?“
Trotz aller nützlichen Fremdsprachenkenntnisse bleibt Muttersprache einfach Muttersprache.
Auf meiner ersten REHACARE-Messe in Düsseldorf hatten wir einen Gemeinschaftsstand mit der Hilfsmittelfirma Humanware aus Kanada. Im Laufe der Messe unterhielten Wir uns auf Französisch und Englisch, gingen gemeinsam essen und hatten eine gute Zeit. Am letzten Abend fuhren wir mit der S-Bahn vom Messegelände ins Hotel. Ich war müde und zudem ziemlich angeschlagen. Ich wollte nur ins Bett und am nächsten Tag so schnell wie möglich nach Hause. Einer der Humanware-Kollegen sprach mich an und fragte, ob mit mir alles OK sei und ob ich nach dem Abendessen mit in die Bar gehen würde. Ich verstand, was er auf Französisch zu mir sagte, war aber so kaputt, dass nur ein Stottern aus meinem Mund kam und mir die Vokabeln im Hals stecken blieben. Ich murmelte irgendetwas auf Deutsch, worauf er mich verwundert bat, es doch bitte in seiner Muttersprache zu wiederholen. Ich brachte nur: „Ich bin krank und müde“ auf Deutsch heraus und konnte es nur mit Mühe übersetzen. Mehr ging nicht. „Oh“, erwiderte der Kollege erschrocken. „Dann geh am besten schnell ins Bett.“, Worauf er sich verlassen konnte.
Während eines Urlaubs in Sri Lanka mit meiner Tante Beate fiel der Strom aus, als wir in unsrem Hotelzimmer waren. „Anne“, fragte Beate verzweifelt. „Was sollen wir tun?“ „An die Rezeption gehen“, schlug ich vor. „Die haben doch ein ähnliches Problem.“ Gesagt, getan. Beate war so aufgeregt, dass sie auf Englisch stammelte: „We not have … Suddenly, the light. It gings out.“ Die Dame an der Rezeption war erst etwas verwirrt, verstand uns dann aber schnell. Kurz darauf hatten wir wieder Strom und Beate fiel ein, was sie vorhin gesagt hatte. Wir lachten und waren uns darüber einig, dass man in bestimmten Situationen stets zu seiner Muttersprache zurückkehrt.
Ganz gleich, welche Sprache es ist, jeder Mensch kann mit Recht stolz auf seine Muttersprache sein.