Wenn einer eine Reise tut oder: Voyage Voyage

„Wer fährt denn mit dir in Urlaub? Wer übernimmt für dich die Verantwortung?“ wurde ich allen Ernstes vor einiger Zeit gefragt. Mir fiel buchstäblich die Kinnlade herunter.

  1. Ich kann sehr gut in Urlaub fahren, sei es mit Gruppen, Freunden, Verwandten oder mit meinem lieben Mann. Kurzum: Menschen, mit denen ich Spaß haben möchte – und diese mit mir!
  2. Als erwachsene Person übernehme ich Eigenverantwortung und darf sogar lange aufbleiben. 😉
  3. Als blinder Mensch brauche ich hier und da etwas Hilfestellung, z.B., wenn es darum geht, sich am Buffet zu bedienen oder sich mit einer neuen Umgebung vertraut zu machen. Da ich in der Lage bin meinen Mitreisenden zu sagen, wo und wann ich Hilfe benötige, sehe ich hier kein Problem.

Im Juni waren mein Mann und ich an der Costa de la Luz in Spanien auf der Isla Cristina. Wir flogen nach Faro in Portugal und wurden von dort aus mit einem Bus des Reiseveranstalters nach Spanien gebracht. Obwohl ich bereits oft geflogen bin, ließ ich mir von einer freundlichen Flugbegleiterin die Weste unter dem Sitz und die Sauerstoffmaske darüber erklären. Auf manchen Flügen bekomme ich eine Broschüre in Braille mit allen wichtigen Informationen.

Endlich im Hotel angekommen, erhielten wir zu unserer Überraschung eine Suite, obwohl wir ein normales Doppelzimmer gebucht hatten. Wahrlich konnte man in dieser großen Wohnung ein Indoor-Navi gebrauchen. Mit meinem Stock erkundete ich den Flur, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, das große Bad und den Doppelbalkon. Später kannte ich mich aus, verlief mich aber dennoch ab und zu. Auf dem Balkon standen zwei Liegen. Sie hatten den unschätzbaren Vorteil, dass wir uns am Pool keine sichern mussten, wie es so viele Touristen täglich und schon vor dem Frühstück gerne tun.

Beim Frühstück und Abendessen machten wir eine interessante Entdeckung. Wegen fehlendem Personal liefen die meist jungen Kellnerinnen/Kellner herum, räumten schmutziges Geschirr ab, legten neues Besteck hin etc. Vor der Coronakrise waren wir schon einmal im gleichen Hotel und hatten gute Erfahrungen mit dem Personal gemacht, das sehr freundlich war und sich stets über einen Smalltalk freute, bei dem ich meine Spanisch-Kenntnisse anwenden konnte. Nun verhielt es sich anders. Ich erklärte meine Situation, und dass man mich bitte ansprechen sollte, wenn etwas hingestellt oder abgeräumt würde. So kam es, dass gerade in den ersten Tagen mein Teller plötzlich weg war oder das Glas, in dem sich noch ein bisschen Orangensaft befand, nicht mehr vor mir stand. Da sich die Gäste an den Tischen häufig laut unterhielten, und das Personal „herumwuselte“ und sich ebenfalls mit schnellen Sätzen verständigte, hörte ich nicht, wenn sich jemand unserem Tisch näherte oder sich entfernte. Nach einiger Zeit wurde es besser und einige Kellner sprachen mich an. Ich entwickelte ein Gefühl dafür, wann Geschirr nicht mehr am Platz war. Am Buffet erkundeten mein Mann und ich, was es an Köstlichkeiten gab. Wir nahmen den ersten Gang mit und setzten uns auf die Terrasse. Beim zweiten Gang und beim Nachtisch gingen wir erneut hin oder ich sagte ihm, was ich gerne haben wollte und er brachte mir das Essen mit.

Im Hotel in Fuerte Ventura, das wir schon mehrmals besucht hatten, gab es einen sogenannten „Privilege“-Bereich. Wir hatten das Glück, diesen zu nutzen und konnten somit wählen, ob wir À la carte essen oder uns am Buffet bedienen wollten. À la carte war gemütlicher und mit weniger Lauferei verbunden. Interessanterweise gab es dort mehr Stammpersonal und man kannte sich bereits. Als mein Mann einmal krank war, half mir abends eine nette Kellnerin und begleitete mich anschließend zum Zimmer. Sie meinte, wir sollten uns melden, wenn wir etwas bräuchten. Allerdings konnten wir das auf der Isla Cristina ebenfalls. Es half uns im Bedarfsfall immer jemand, und die Rezeption war ständig erreichbar.

Auf zahlreichen Reisen mit verschiedenen Personen oder Gruppen habe ich viele positive Erfahrungen gesammelt.
Vor Jahren war ich mit einer Jugendgruppe in Italien an der ligurischen Küste. Ich hatte vor der Reise einen Italienisch-Kurs gemacht, was dazu führte, dass ich mit meinem ein-Semester-VHS-Vokabular als Übersetzerin fungierte. Wir badeten im Meer, wobei ich mich gut an die endlos erscheinenden Stufen erinnere, die wir von der Unterbringung zum Strand laufen mussten. In der Gruppe gab es Jugendliche, die viel mehr über die Treppen jammerten als ich. Als eine Bergtour anstand und ich zögerte mitzugehen, erklärten alle entschlossen: „Anne, du kommst mit. Keine Frage. Ohne dich ziehen wir nicht los.“ Es wurde eine wunderschöne Tour, bei der wir uns gegenseitig bereicherten, und die mit leckeren Getränken, viel Musik und Gelächter sowie zwei Übernachtungen unter freiem Himmel ausklang.

Mit einer Freundin verbrachte ich einen Urlaub auf Korsika. An ihrem Geburtstag saßen wir in einem Restaurant am Strand, lauschten den Wellen und ließen es uns gut gehen. Auf dem Campingplatz lernten wir Leute kennen, mit denen wir Ausflüge machten. Am letzten Abend gingen wir Feigen klauen, die besonders gut schmeckten.
Eines Morgens stand ich unter der Dusche und plötzlich war das Wasser alle. Ich war eingeseift und hatte Shampoo im Haar. Was tun? Also ging ich, so wie Gott mich einst erschuf, aus dem Waschraum und rief über den Zeltplatz: „Kommt mal einer her? Ich brauche Geld für neues Wasser.“ Sofort kam jemand angelaufen und meinte trocken: „Kein Thema. Ist mir neulich auch passiert.“

Wenn ich von all den Reisen erzählen wollte, die ich bereits unternommen habe, könnte ich Stunden damit zubringen. USA, Kanada, Karibik, Sri Lanka, Norwegen, Griechenland, Kroatien, Italien, Frankreich, Spanien, Schweiz, Österreich etc. Aber auch in unserem eigenen deutschen Lande waren wir an der Ostsee oder in Bayern und sehr regional – im Sauerland!

Berichten möchte ich in diesem Artikel von einem wunderschönen Ausflug, den mein Mann und ich in besagtem Spanien-Urlaub unternahmen. Da wir uns nicht weit von Portugal befanden, buchten wir eine Tagestour, die uns durch Tavira führte, einer idyllischen Stadt mit über 25 Kirchen, engen Gassen, Cafés und Restaurants. Jo, unser Guide, nahm uns in eine Fischmarkthalle mit. Nach einem kurzen portugiesischen Wortwechsel mit den Verkäufern zeigte Jo mir Fische, die ich bisher, wenn überhaupt, nur nach deren Zubereitung kannte. So konnte ich beispielsweise einen Thunfisch, einen Lachs, einen Seeteufel und einen Schwertfisch betrachten. Das lange Schwert dieses Tieres beeindruckte mich! Anschließend fuhren wir nach Fuseta und aßen dort vorzüglichen Fisch – natürlich nicht ohne ein Gläschen Wein dazu. Danach ging es mit einem Boot in das Naturschutzgebiet Ria Formosa, einem Stück Paradies, anders kann ich es nicht bezeichnen. Wir genossen das erfrischende Meerwasser, sammelten Muscheln und aßen Berliner am Strand, die uns in einem kleinen Boot gebracht wurden. Ich fühlte mich glücklich und sog jeden Augenblick in mich auf. Ganz bestimmt einer der schönsten Ausflüge in diesem Urlaub.

Zum Schluss darf der Bregenzer Wald nicht fehlen, in welchen wir gerne und viel reisen.
Am letzten Urlaubstag war es kühler als zuvor und es hatte morgens ein wenig geregnet. Das Bergrestaurant unserer Freunde war ziemlich leer und keiner rechnete mehr mit durstigen Wanderern. Um kurz nach 16 Uhr kam plötzlich eine Gruppe mit ca. 50 Holländern, zum Großteil geistig behinderte Erwachsene. Schnell packte ich mein Instrument aus und begann zu spielen. Die Gäste freuten sich und ein junger Mann tanzte direkt vor meiner Nase zu „Oh when the Saints go marching in“. Bei „Let it be“ sangen oder summten alle mit. Um 17 Uhr fuhr die letzte Seilbahn ins Tal und wir verabschiedeten uns. Einer aus der Gruppe schüttelte mir lange die Hand und sagte immer wieder: „Danke. Danke.“

Bleibt mir abschließend der Spruch meines Großvaters: „Wenn einer eine Reise tut – dann kann er was erzählen.“.

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