Am 06.03. beginnen die Winter-Paralympics in Italien, die Olympischen Spiele für Menschen mit Beeinträchtigungen. Passend dazu saß ich neulich mit meinem Mann in unserem italienischen Lieblingsrestaurant. Ich hörte, wie eine Mutter ihrer Tochter den Begriff „Paralympics“ erklärte.
„Das ist so ähnlich wie bei Olympia“, sagte sie. „Nur viel beeindruckender. Da sind Sportler im Rollstuhl, ohne Arme oder welche, die nicht sehen können. Es gibt Blindenfußball, weißt du?“
„Krass“, erwiderte das Kind. „Haben die dann einen Ball, der sprechen kann?“
Ich fragte, ob ich die Sache aufklären könnte. „Im Fußball befindet sich eine Rassel“, erläuterte ich dem Mädchen. „Die blinden Spieler hören, wo der Ball ist.“
Das Mädchen war zufrieden. „Spielst du auch Blindenfußball?“, fragte sie mich.
„Nein“, antwortete ich. „Ich habe aber schon viele Sportarten ausprobiert. Judo und Reiten habe ich als Kind gemacht. Später wechselte ich zum Schwimmsport und war Leistungsschwimmerin.“
„Richtig mit Wettkämpfen?“, fragte das Mädchen.
„Wir sehen die Dame doch im Sommer öfter mit ihrem Mann im Elsebad. Ich glaube, er ist ihr Trainer.“
„Gewesen“, sagte ich. „Genauer gesagt: Mein Co-Trainer. Der Cheftrainer kam aus Ostberlin, wohnte allerdings schon lange in Wuppertal. Er war streng, aber ab und zu hat er mich gelobt.“
„Wie denn?“, wollte das Kind wissen.
„Wenn er sagte: Dit war jar nisch so janz verkehrt, dann hieß das: Wow. Jute Arbeit.“
Alle lachten.
„Hast du auch eine Medaille gewonnen?“, fragte das Kind.
„Ja“, entgegnete ich. „Mehrere. Zum Beispiel bei internationalen deutschen und britischen Meisterschaften. Das war cool, aber ich musste fleißig trainieren.“
„Siehst du, Lina“, wandte sich die Mutter an ihren Nachwuchs. „Dann hast du jetzt ein Vorbild. Sie schwimmt nämlich auch.“
„Super“, lobte ich Lina. „Wenn es dir Spaß macht, dann trainiere weiter. Es gibt immer Zeiten, in denen es nicht so läuft wie gewünscht. Wenn du aber merkst, dass dir alles zu viel wird, oder du nur noch mit hängenden Schultern hingehst, dann hör auf.“
„Haben Sie das lange gemacht?“, erkundigte sich die Mutter.
„Ja“, sagte ich. „Ca. 10 Jahre.“
„Warum hast du aufgehört?“, fragte Lina.
„Mit 32 wurde ich zur Schwimm-Omi. Die jungen Mädels schwammen mir davon. Irgendwann stand ich voll im Berufsleben und schaffte die erforderlichen Zeiten für die Wettkämpfe nicht mehr. Durch zahlreiche Außentermine in den ersten Jahren meines Berufes konnte ich nicht mehr so viel trainieren wie zuvor. Jetzt konzentriere ich mich auf andere Hobbys wie Schreiben, Lesen und Musik.“
„Machst du denn trotzdem noch Sport?“, fragte Lina.
„Ja, auf jeden Fall. Im Sommer bin ich häufig mit meinem Mann im Freibad. Ansonsten habe ich mir im Keller eine Fitness-Ecke eingerichtet, mit Crosstrainer und Ruderbank. Auf der Terrasse steht ein kleines Trampolin. Das benutze ich meistens, um darauf zu laufen.“
Nach einer kurzen Pause begann Lina: „Woher weißt du beim Schwimmen, wann am Ende der Bahn die Wand kommt?“
„Wenn ich langsam schwimme, kann ich das ganz gut abschätzen“, erklärte ich. „Schwimme ich schnell, hält mein Mann eine Stange mit einem rosa Schaumstoffpuschel ins Wasser. Stößt das Teil gegen meine Stirn, weiß ich, dass die Mauer kommt und ich umdrehen muss.“
„Süß!“, rief Lina begeistert. „Habe ich bei euch schon gesehen. Ich habe echt gedacht: „Wieso haut er dich?““
„Ein kleiner Junge sagte mal zu meinem Mann: Was machst du mit dem Eis am Stiel? Und wieso schlägst du damit die Frau?“, gab ich zurück.
„Ich kann so meiner holden Gattin ungestraft auf den Kopf hauen“, schaltete sich mein Mann ein.
Wieder lachten wir.
„Siehst du, Lina“, bemerkte ihre Mutter. „Es gibt viele Möglichkeiten, auch als Mensch mit Beeinträchtigung Sport zu treiben. Aber sagen Sie, was gibt es denn für Wintersportarten, die man als Person mit Handicap ausüben kann? Schließlich starten nun die Winter-Paralympics.“
„Es gibt zum Beispiel Para-Snowboard, Schlitten-Eishockey oder Rollstuhl-Curling. Diese Sportarten werden von Athleten mit Bein-Beeinträchtigungen, oder, beim Para-Snowboard, mit Arm- und Bein-Beeinträchtigungen ausgeübt. Blinde und sehbehinderte Athleten findet man im Langlauf und Biathlon, aber ebenso bei der Ski-Abfahrt“, antwortete ich.
„Wirklich?“, fragte die Mutter erstaunt. „Ski alpin für blinde Athleten? Das ist sicher sehr schwierig, oder? Haben Sie das auch mal probiert?“
„Als Schülerin war ich mit der Klasse im bayerischen Oberau auf einer Skifreizeit“, berichtete ich. „Eigentlich sollte ich Langlauf machen, aber die Loipen waren schlecht gespurt. Kurzerhand bin ich auf Abfahrt umgestiegen.“
„Ist jemand mit dir gefahren und hat dir die Richtung angesagt?“, wollte Lina wissen.
„Ja, genau“, gab ich zurück. „Eine Sportstudentin hat mich begleitet. Zuerst haben wir auf dem ‚Idiotenhügel‘ geübt. Dann ging es aufs Rossfeld. Heike, so hieß die Studentin, rief mir Kommandos zu. Meine Klassenkameraden rasten an mir vorbei und ich dachte nur: Hoffentlich komme ich heil unten an. Das tat ich tatsächlich. Danach brauchte ich erstmal eine Stärkung in Form von Schoki. Bei den Wettkämpfen haben die blinden Sportler einen ‚Guide‘, der vorausfährt und Kommandos gibt, ob beim Langlauf oder Alpin-Ski.“
„Und wie geht das im Biathlon beim Schießen, wenn man die Scheibe nicht sehen kann?“, fragte Lina.
„Blinde und sehbehinderte Athleten setzen am Schießstand einen Kopfhörer auf und zielen mit einem Infrarot-Gewehr auf die Scheiben fünf Meter vor ihnen. Über den Kopfhörer erhalten sie ein deutlich hörbares Signal. Je näher ein Sportler dem Ziel kommt, desto höher wird der Ton. Trifft man die Scheibe, bekommt man ein Treffersignal. Schießt man daneben, klingt das anders. Wie andere Biathleten auch, müssen sie vom Langlaufen so schnell wie möglich auf das Schießen umschalten, bei dem man Ruhe und Konzentration braucht. Die Ohren sind dabei bei blinden Sportlern natürlich besonders gespitzt.“
„Sehr beeindruckend“, bemerkte Linas Mutter. „Meine Hochachtung vor diesen Leistungen! Wir sind gespannt, was uns in den nächsten Wochen erwartet. Hoffentlich wird über die Paralympics genauso ausführlich berichtet, wie es bei den Olympischen Spielen der Fall war.“
„Ja, das wünschen wir uns“, bestätigte mein Mann. „Aber die Berichterstattung ist schon sehr viel mehr geworden als früher.“
„Und wir sporteln fleißig weiter, Lina?“, fragte ich das Mädchen grinsend.
„Klar“, erwiderte sie. „Ich habe am Montag wieder Training. Ah, da kommt unser Essen.“
„Allseits guten Appetit! Wir können beruhigt futtern, denn die Kalorien trainieren wir locker wieder ab“, sagte ich und genoss meine Pizza Tonno.
Es lebe das gute Essen – und der Sport!